. Der Suchende glaubt in der geheimen Philosophie oft etwas Wahrheitsähnliches gleichsam mit Händen zu ergreifen; aber freilich, er greift nie wirklich. Das Treffendste, aber auch das Schlimmste, was man von solcher geheimen Philosophie sagen kann, ist: sie gründe sich auf willkürlich angenommene Grundsätze, woraus die Folgerungen durch Trugschlüsse geschehen. Das mag nun sein! Aber wäre es mit keiner Art von öffentlicher Philosophie jemals auch so beschaffen gewesen? Wenigstens die Anhänger des einen Systems sagen es immer von dem entgegengesetzten. Auch ist kein geheimer Philosoph zu widerlegen; denn sowohl seine Grundsätze als seine Erfahrungen gehen dicht neben oder über oder unter der Vernunft weg.
Dieses schwere Geschäft wollte unser dicker Mann gleichwohl unternehmen, sobald ihm Herr von Reiteim seine Meinung von den geheimen Kräften der Natur und von den geheimen Mitteln, diese Kräfte zu bezwingen, mitgeteilt hatte und ihm zu diesem Behufe die in sehr schönem Französisch geschriebene kräftig dunkle Auseinandersetzung derselben, welche er vom Sieur Raphael-Gabriel erhalten hatte, vorlas und mit gelehrten Anmerkungen begleitete. Anselm war darüber ganz außer sich. Er hätte seinem Herrn eher noch vergeben, wenn er die Gassendische, Kartesische, Leibnitzische, Darjesische, Federsche oder die revidierte Philosophie angenommen hätte. Aber eine solche geheime französische Philosophie! Anselm wollte den kürzesten Weg gehen und sie mit den Waffen der kritischen Philosophie angreifen. Aber er mochte Herrn von Reiteim immer von der Sinnenwelt und von der Verstandeswelt der Dinge an sich vorreden, mochte noch so deutlich ihm, sogar mit den eigenen Worten der Kritik der Philosophie, sagen: Es fände keine Anwendung irgend einer Kategorie von der einen auf die andere statt und der Verstand könne von allen seinen Begriffen keinen andern als empirischen, niemals aber einen transzendentalen Gebrauch machen; alles half nichts. Zwar glaubte unser dicker Mann hierdurch gesiegt zu haben; aber vergebens. Junker Reiteim hatte eine dritte Welt gefunden, die magische, eben die, in welche Junker Eckartshausen in München, ein Mann von sehr breitem Verstande, durch einen Salto mortale hineingesprungen ist. In dieser magischen Welt war Junker Reiteim so gut zuhause wie auf seinem eigenen Gute. Den Satz der Kantischen Philosophie, dass zwischen der Sinnenwelt und der transzendentalen Welt durch die Vernunft keine Brücke könne geschlagen werden, wodurch Anselm die geheime Philosophie widerlegen wollte, nahm Junker Reiteim mit beiden Händen für sich und seine geheime Philosophie an; denn er wollte ja, eben wie Junker Eckartshausen, sich durch übervernünftige und widervernünftige, kurz durch unvernünftige Mittel einen Weg in jene magische Welt bahnen: aus welcher Ursache auch seit kurzem den Anhängern der Lavaterschen Theologie die Kantische Philosophie so sehr zu gefallen scheint.
Anselm musste mehr als einmal hören: »Es ist viel zwischen Himmel und Erden, wovon unsere Schulphilosophie nichts weiß.«