Ich muss gestehen, dass ich es nicht so weit gebracht habe, und dass mir der jetzt mit Macht wachsende Eigensinn meines Gustavs viel Sorge macht.« »Glauben Sie mir, meine Liebe, es ist kein besseres Mittel, diesen Eigensinn gleich früh zu unterdrücken, als wenn man dem Kinde gar keine Achtsamkeit auf sein Weinen zeigt.« »Aber, mein Gott, wie ist das möglich? Die Tränen eines so hülflosen Geschöpfes zu sehen, ohne sie zu trocknen! Ich muss gestehen, dass das Weinen eines kleines Kindes oft die stärksten Vorsätze seiner Erziehung in mir zernichtet hat.« »Diese Weichheit dient gewiss nur dazu, dem Übel einen Augenblick abzuhelfen, um es nachher desto stärker zu machen. Das Kind wird bald den Eindruck merken, den seine Tränen auf Sie machen. Es wird bald Dinge fodern, welche Sie ihm ohne den größten Nachteil nicht gewähren können, und wird alsdann bei jeder Verweigerung in das gellendste Geschrei ausbrechen.« »Aber ein starkes Schreien kann doch der Gesundheit gefährlich werden?« »Das ist der Deckmantel, unter dem sich gewöhnlich die Schwäche der Mütter verbirgt. Ich habe über diesen Punkt mehrere Ärzte befragt, und immer die Antwort erhalten, dass das Weinen einem Kinde nicht schade, wenn es nicht allzuheftig und oft wiederholt würde, und auch dann schade es ihm nur äußerst selten. Man kann das ja auch an den Kindern sehen, die, aller Verpäpelung ungeachtet, doch oft mehrere Stunden hinter einander schreien, ohne nachteilige Folgen für ihren Körper davon zu haben. Und dann, meine Beste, kann ich Ihnen aus der Erfahrung bezeugen, dass ein Kind, welches man anfangs einigemal vergeblich weinen ließ, eines solchen heftigen Geschreis gar nicht fähig ist, da hingegen ein solches, dem man immer nachgibt, gar wohl im Stande ist, wenn ihm einmal etwas verweigert wird, so heftig zu weinen, dass es aus Bosheit Verzuckungen bekommt und ganz blau wird, wie ich schon mehrmal gesehen habe, und das kann denn wohl freilich der Gesundheit schaden, ob gleich immer auch in diesem Fall die Rute das beste Mittel bleibt.« »Ich sehe freilich wohl ein, dass diese Zärtlichkeit falsch ist, und dem Kinde selbst sehr nachteilig wird; aber sagen Sie mir, beste Frau, wie wollen Sie unterscheiden, ob ein ganz kleines Kind aus wahrem Bedürfnis oder aus Eigensinn weint? Und im ersten Fall werden Sie selbst es doch wohl für hart halten, ihm nicht beizustehen.« »Allerdings. Aber bei einem kleinen Kinde sind die Bedürfnisse bloß Hunger, Schlaf und Reinlichkeit. Diese muss ich immer befriedigen und - -« »Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche. Rechnen Sie denn die Unpässlichkeit dieser Kleinen gar nicht