Margareta Sophia Liebeskind
Maria
Eine Geschichte in Briefen
Erster Teil
Vorbericht
Folgende Briefe sind von einem Frauenzimmer geschrieben, und würden wohl
schwerlich jemals vor die Augen des Publikums gekommen sein, wenn der Vorredner
die Verfasserinn nicht dazu ermuntert, und die Besorgung der Herausgabe
übernommen hätte.
Es kann sein, dass ein Teil des lesenden Publikums mir für diese Mühe wenig
Dank weiß. Der andere Teil hingegen ist gewiss mit mir darin einig, dass gut
geschriebene Frauenzimmerbriefe Reize und Schönheiten haben, die Männer nur
höchst selten den ihrigen zu geben vermögen. Eine reichere und lebhaftere
Einbildungskraft, feinere, sanftere, biegsamere und mannichfaltigere Wendungen
im Ausdruck, kurz, alle diejenigen einzelnen Schönheiten, aus deren
Zusammensetzung der Charakter des Weiblichschönen entsteht, scheinen das Gepräge
solcher Ausarbeitungen zu sein, und werden gewiss bei Lesern von warmer
Empfindung nie verfehlen, eine höchst angenehme, und selbst (wenn der Gegenstand
danach gewählt ist) nützliche Unterhaltung zu sein. Sollten auch diese Vorzüge
noch nicht allen und jeden Briefen dieser Sammlung in gleichem Maß zu Teil
geworden sein, so wird der Leser doch wenigstens überall die beste Anlage dazu
gewahr werden, und, in diesem Betracht, meine Ermunterung zur ferneren
Vervollkommnung solcher Anlagen nicht übel angewendet finden.
Die hier erzählte Geschichte gründet sich größtenteils auf Wahrheit; ist
also in so ferne nur als Dichtung anzusehen, als Charaktere untergemischt sind,
die bloß der größeren Mannichfaltigkeit und der bessern Unterhaltung wegen
gewählt wurden. Einige Hauptcharaktere wird man vielleicht für übertrieben und
unnatürlich halten, weil sich die Originale dazu in dieser Welt selten finden
lassen. Ob es aber überhaupt eine billige Forderung sei, die man in den neuesten
Zeiten an diese Gattung der Dichtungsarten macht, dass sie nämlich bloß kopiren,
nie aber sich zu nachahmungswürdigen Idealen hinauf schwingen soll, will ich
hier unausgemacht lassen. Ich kann aber nicht umhin, zu bemerken, dass nach
meinem Bedünken diese Dichtungsart mit allen übrigen schönen Künsten das
Grundgesetz: einzeln in der Natur befindliche und zerstreuete Schönheiten zu
gewissen Zwecken in ein Ganzes zu versammeln, gemein haben muss. Was soll die
Darstellung eines Gegenstandes mit allen seinen Gebrechen, Mängeln und Fehlern
für Nutzen stiften? Und liegt nicht eben die größte Nützlichkeit aller schönen
Künste und Wissenschaften in der erregten Nacheiferung nach Vollkommenheiten,
die in dieser Welt selten vereinigt anzutreffen sind? Mir scheint es daher in
der Tat eine sehr nachteilige Forderung zu sein, nach welcher man den Künstler
seines größten Vorzugs, der in der Schöpfung musterhafter Ideale besteht,
berauben, und ihn in die enge Sphäre eines bloßen unnützen Kopisten einschränken
will.
Auch unsere neuere Pädagogen werden, im Fall ihnen diese Briefe in die Hände
fallen sollten, vielleicht einige Steine des Anstoßes finden. Die Verfasserinn
ist in ihrem Erziehungssystem Sirachs eifrige Anhängerinn, und traut in gewissen