abermal tausend Menschen im Naturstande würden auf
keinen Buchstaben von natürlicher Religion und natürlichem Rechte fallen, wenn
nicht die Gottheit es ihnen noch näher gelegt hätte. Die Gottheit kann sich
Menschen nicht anders als durch Menschen offenbaren, und die bleiben Menschen,
wenn gleich sie Gottes Menschen sind, getrieben vom heiligen Geist. Niemand hat
Gott je gesehen; erhabene, große Menschen sendet Gott zu Menschen, um ihnen zu
sagen, was sie gleich alle wissen, wenn es ihnen nur gesagt wird. Wir sind Alles
und Nichts. Das Licht der Vernunft, das in uns ist, muss angezündet werden, sonst
bleiben wir beständig Kinder der Finsternis. Das natürliche Recht ist, so lange
der Mensch nicht göttlich unterrichtet wird, das, was das römische Recht sehr
treffend von ihm sagt: was die Natur allen Tieren lehrt. Die Kräfte, die der
Mensch noch darüber hat, unterscheiden ihn vom Tiere. Selbst die Gesellschaft,
die Vereinigung, die die Natur dem Menschen so sichtlich beibringt, indem seine
Jungen weit später zu sich selbst kommen, als andere Jungen, fordert ihn zur
Gesellschaft auf; allein wenn es auf einen Streit ankäme, würde ich denen eher
beitreten, welche glauben, dass ein Ungefähr die Menschen zusammengebracht, und
nicht die Vernunft. Selbst jetzt regiert wohl die Vernunft im Großen. Sie lebt
so in bedrückter Kirche, dass man von ihr behaupten könnte, sie wohne in Höhlen,
in Klüften, und doch darf man von ihr nicht fürchten, dass sie so ausarten würde,
als die christliche Kirche, da sie ins Große ging, ausgeartet ist. Die Ausartung
der Vernunft wäre Unvernunft.
Fast könnte man behaupten, dass die Menschen, nachdem sie vielleicht durch
ein Ungefähr zusammengebracht waren, auf die Vernunft gekommen, so wie man auf
etwas kommt. Gott hat es ihnen offenbart. Es waren vielleicht erst positive
Gesetze, ehe man an natürliche dachte. Der Grund der positiven Gesetze, wenn sie
anders den Namen von Gesetzen verdienen sollen, ist so gut die Vernunft, als sie
der Grund der natürlichen ist. Die Rechtslehrer machen einen Unterschied
zwischen positiven, natürlichen und gemischten Gesetzen. Jedes Gesetz muss
natürlich, oder, welches fast dasselbe ist, vernünftig sein, so auch jede
Offenbarung. Das Christentum ist eine vernünftige, lautere Milch. Was
vernünftigen Menschen Regeln vorzeichnen will, muss, dünkt mich, selbst
vernünftig sein; es muss sie überzeugen. Zwar leugne ich nicht, dass der Staat
Anordnungen treffen könne, die sich nur aus dem Staat erklären lassen, und
alsdann ist die Vernunft, auf den Staat angewendet, der Grund des Gesetzes. Wenn
man die positiven Gesetze aus diesem Gesichtspunkte nimmt, wie ehrwürdig sind
siel Sind sie nicht der moralische Katechismus des Volks?