Grunde verstehen, aber sie bloß allein für sich und nie in dem Zusammenhange der übrigen Wissenschaften und nie in Absicht auf den Nutzen des menschlichen Geschlechts betrachten. Ein Kriminalist ist ein grundgelehrter Mann, wenn er alle Ausgaben der peinlichen Halsgerichtsordnung mit ihren Kommentarien durchgelesen und verglichen hat und genau zu bestimmen weiß, in welchem Falle und im wievieltsten Grade man zur Tortur schreiten soll. Er hält den für einen schwachen Kopf, der noch erst untersuchen will, ob ein Erforschungsmittel der Wahrheit, das im Heiligen Römischen Reiche schon vor mehr als zweihundert Jahren durch Gesetze vorgeschrieben worden, unzulänglich, ja gar unmenschlich sein könne. Ein Lehrer des deutschen Kirchenrechts wird mit grössester Belesenheit beweisen, dass im Heiligen Römischen Reiche nur zwei Religionen existieren dürfen und wie reichsgesetzwidrig es sei, wenn derjenige, der keiner dieser beiden Religionen beifällt, nicht sogleich des deutschen Vaterlandes verwiesen werde. Lass den friedfertigen Gottesgelehrten, lass den menschenfreundlichen Philosophen, lass den einsichtvollen Politiker dawider auftreten und versichern, wahre Religion, Wohl des Menschen und Wohl des Staats erfordere, dass man niemand dogmatischer Lehren wegen verdamme und keinen Ketzer, sobald er ein guter Bürger ist, aus dem Lande jage; er wird sie bloß bedauern, dass sie in der Kenntnis des deutschen Kirchenrechts so unwissend sind. Und wollten sie sich auf die gesunde Vernunft berufen, so wird er vollends voll Verachtung antworten, das deutsche Kirchenrecht sowenig als das deutsche Staatsrecht müsse nach der Vernunft beurteilt werden, sondern es gelte das Herkommen. Ebenso sammelt der Geschichtschreiber eine Menge geschehener Dinge ohne Wahl und Absicht, ohne sie durch Philosophie, Politik oder Kenntnis des Menschen zu erläutern; und der Philologe gibt klassische Autoren heraus, weil er Lesearten sammeln und Varianten berichtigen will, ohne ein einzig Mal seine Leser auf den Geist der alten Schriftsteller, auf den Zweck, warum sie geschrieben haben, zu führen. Wenn ich nicht gewohnt wäre, weder im guten noch im bösen von Gottesgelehrten zu reden, so würde ich die anführen, die mit ihren Nebengottesgelehrten beständig Dogmatik, Exegese und Polemik wechseln, ohne jemals zu überlegen, welchen Einfluss Dogmatik, Exegese und Polemik auf die Verbesserung des menschlichen Geistes haben könne und wie sie sich gegen Geschichte, Philosophie und Politik verhalten. Wenn jemals die deutschen Schriftsteller anfangen, die Wissenschaften aus solchen und ähnlichen Augenpunkten zu betrachten, so werden sie sie mit glücklicherm Erfolge unserm Geiste interessant machen als durch trockne Kompendien, leere Spekulationen und absichtlose Kompilationen; sie werden für Gelehrte schreiben und doch den Lesern aus allen Ständen interessant werden. Selbst durch dieses Interesse werden sie alle Arten von Lesern zum Studieren wissenschaftlicher Kenntnisse ermuntern: die Wissenschaften werden sich in mehrere Stände ausbreiten, und gelehrte Schriftsteller werden den mehr erleuchteten Lesern fasslich schreiben können, ohne der seichten Denkungsart des