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lässt, aber dafür auch oft unverantwortlicherweise eine Hildegardis hinsetzt, wo
eine Matilda stehen sollte, oder die Jahrzahl fünfzig angibt, wo die Jahrzahl
sechzig sollte angegeben werden. Der Unterschied zwischen unsern deutschen
wahrhaften Geschichtschreibern und den oft lügenhaften Franzosen sowie auch die
Erklärung der Ursachen, warum Häberlin und Senkenberg ihren bloßen Auszug der
deutschen Geschichte ungleich korpulenter haben werden lassen als Voltaire seine
ganze allgemeine Weltgeschichte, bestehen darin: Der gelehrte Deutsche
verschweigt dem Leser nichts, was er gewiss weiß, und das ist denn sehr viel,
aber er bedenkt oft nicht, was der Leser zu wissen verlange, welches
gemeiniglich sehr wenig ist. Hingegen der Franzose, der nur wenig weiß, tut sich
auch aufs Wissen nichts zugute, sondern erzählt nur das, was seine Leser etwa zu
wissen verlangen könnten, macht sich aber auch kein Bedenken, es ihnen zuweilen
mit einer kleinen Brühe von Erdichtung schmackhafter zu machen.
Wir, die wir diese Beispiele vor uns sehen, spiegeln uns an denselben. Wir
wissen von Sebaldus' Aufenthalte in Leipzig sehr viele Umstände, welche wir
nicht gleich den deutschen Geschichtschreibern samt und sonders erzählen,
sondern sie vielmehr mit einiger Verleugnung unterdrücken wollen, weil wir nach
reifer Überlegung gefunden haben, unsere Leser würden weder Nutzen noch
Vergnügen daraus schöpfen können. Hingegen soll die Wahrheit auch das Wesen
dieser Geschichte bleiben, und wir werden daher keineswegs gleich dem leidigen
Voltaire Umstände verstellen oder erdichten, um unsere Erzählung interessanter
zu machen. Damit man aber nicht etwa glaube, wir wüssten nichts, wenn wir nichts
sagen, so wollen wir, um das Gegenteil zu zeigen, aus der großen Menge der vor
uns liegenden Nachrichten einige bei Sebaldus' Aufenthalte in Leipzig
vorgefallene Abendgespräche mitteilen.
Neben der Dachstube des Sebaldus wohnte ein alter Magister, mit dem er bald
bekannt und in kurzem vertraut wurde, weil es sich äußerte, dass derselbe, so wie
er, an der Ewigkeit der Höllenstrafen zweifelte. Dieser Mann besaß gründliche
Kenntnisse der alten Sprachen und alles dessen, was zur Philologie gehört. Er
hatte die alten griechischen Philosophen fleißig gelesen und sie mit den
Schriften neuerer Philosophen verglichen, wodurch er sich gute Einsichten in die
Philosophie erwarb. Aber weil seinen Kenntnissen der Zuschnitt nach der Mode
fehlte und weil er überaus schüchtern und ängstlich war, sobald er mit Menschen
reden sollte, so hatte er sich nie getrauet, um ein Amt, selbst nicht um ein
Schulamt anzuhalten; man würde es ihm vielleicht auch nicht gegeben haben. Er
war daher als Korrektor bei verschiedenen Buchdruckereien grau geworden. Er
kannte alle Vorfälle des Verleger- und Autorgewerbes. Denn gleichwie ein
Lichtputzer in der Komödie zuweilen einen stummen Staatsminister oder einen
Lakaien, der ein paar Worte redet, vorstellen muss, so war auch er,