sollte ich kaum denken, wenigstens stehen sie auswärts in einem ganz andern Rufe. Man glaubt vielmehr, Berlin sei voll von Ateisten, Deisten, Naturalisten und wer weiß von was für - isten mehr. Man glaubt, jeder dürfe sich daselbst in Religionssachen erlauben, was er wolle. Ich selbst, ob ich gleich nicht lange in Berlin bin, habe zuweilen zufälligerweise Reden gehört, die man an vielen andern Orten nicht so frei hätte führen dürfen, ohne öffentliche Ahndung zu befürchten.« »Nein! Öffentliche Ahndung hier freilich nicht. Unsere Regierung hat schon seit langen Jahren klüglich eingesehen, dass man die Meinungen der Menschen von Religionssachen deshalb nicht bessert, wenn man sie einschränkt und ahndet, sondern dass man vielmehr dadurch jede Torheit eines Eiferers oder Schwärmers zu einer wichtigen Sache macht. Sie verfolgt niemand wegen Meinungen, weshalb auch gute und schlechte Meinungen in Berlin überhaupt nicht so viel Aufsehen machen als an andern Orten. Daher kommt es, dass in dieser Hinsicht die Menschen sich hier mehr so zeigen, wie sie sind, und dass es der Heuchler weniger gibt. Sie können in Berlin vielleicht unter spekulativen Gelehrten einige gefunden haben, welche die Offenbarung für unnötig halten, und unter lockern Weltleuten auch wohl viele, die alle Religion verachten. Aber Leute von solchen Grundsätzen werden Sie unter Gelehrten und unter Weltleuten allenthalben, obgleich nur verborgen, finden. Allein auch in Berlin machen sie gewiss verhältnismäßig eine geringe Anzahl aus, wenigstens wer solche Meinungen an sich merken lässt, wird deswegen weder hochgeschätzt noch geliebt. Der berlinische Pöbel ist noch ebenso beschaffen als der, welcher im Jahre 1747, nachdem er Süssmilchs erbauliche Predigt wider die Freigeister gehört hatte, dem bekannten Edelmann die Fenster einwarf. Und den Pöbel ungerechnet, sind auch unsere gute berlinische Bürger überhaupt zu nichts weniger als zu so freien Meinungen geneigt. Ich wollte wohl Bürge für sie sein, dass sie auch nicht die geringste Heterodoxie verschlucken würden, sie müssten sie denn etwa mit gutem Herzen für Ortodoxie halten.« »Das dächte ich doch nicht. Sie müssen neuen Meinungen nicht ganz abgeneigt sein; wenigstens haben die Versuche, durch Gebrauch der Vernunft die Vorurteile in der Religion wegzuräumen, bisher noch in Berlin den größten Beifall erhalten.« »Ja, vergleichungsweise, weil sie an vielen andern Orten ganz und gar nicht geduldet werden. Aber wenige Schriftsteller und ihre wenigen Freunde verlieren sich unter den vielen tausend Einwohnern. Wenn diese je von der Dogmatik abgehen oder irgendworin über die Schnur hauen sollten, so möchte es gewiss minder von der Seite der Vernunft als von der Seite der erhitzen Einbildungskraft34 geschehen. Seit dem Anfange dieses Jahrhunderts hatten wir Inspirierte, welche weissagten und Wunder taten, und haben noch einige dergleichen. Keine große Stadt in