seine eigene Denkungsart, seine Vorurteile, seinen persönlichen Geschmack,
vielleicht auch seine Leidenschaften und besonderen Absichten, zur Richtschnur
oder zum Beweggrunde seiner Urteile mache? Wird die Vernunft und der Witz der
Nation nicht dadurch von dem Grade der Erkenntnis oder Unwissenheit, der
Redlichkeit oder Unlauterkeit des Richters, oder von der ungereimten
Voraussetzung, dass ihn seine Weisheit und Rechtschaffenheit nie verlassen werde,
abhängig gemacht? Wenn wir denken dürfen, warum sollten wir nicht über alles
denken dürfen? Und ist denken nicht etwas andres als nachsprechen? Kann man
denken ohne zu untersuchen? oder untersuchen ohne zu zweifeln? Und wenn sich
dieses Recht zu zweifeln bis man untersucht hat, und zu untersuchen eh man
irgend ein Urteil fasst, nicht auf alle Gegenstände erstreckt; wenn man annehmen
wollte, dass es solche gebe, welche man nicht untersuchen dürfe, weil schädliche
Folgen daher entspringen könnten: würde die Nation nicht immer in Gefahr
schweben, dass es ihren Obern einmal einfallen könnte, die Untersuchung alles
dessen für schädlich zu erklären, was sie bloß ihres eignen Vorteils wegen nicht
untersucht haben wollten? Die Jahrbücher des menschlichen Geschlechts belehren
uns, dass unsre Obern zuweilen Tyrannen gewesen sind, oder wenigstens schwach
genug, sich von irrigen Meinungen und von Leidenschaften, eigenen oder fremden,
beherrschen zu lassen. Auf welchem seichten Grunde würde demnach die öffentliche
Glückseligkeit stehen, wenn es von der Willkür etlicher weniger Sterblichen
abhinge, die großen Triebfedern des allgemeinen Besten der Menschheit, Vernunft
und Tugend, nach ihren besonderen Begriffen und Absichten einzuschränken?
Was ich von der Vernunft gesagt habe, gilt in seiner Art auch von dem Witze,
dessen wichtigster Gebrauch ist, alles was in den Meinungen, Leidenschaften und
Handlungen der Menschen mit der gesunden Vernunft und dem allgemeinen Gefühl des
Wahren und Schönen einen Misslaut macht, das ist, alles was ungereimt ist, als
belachenswürdig darzustellen. Jede Einschränkung dieses Gebrauchs ist ein
Freiheitsbrief für die Torheit, und ein stillschweigendes Geständnis, dass es
ehrwürdige Narrheiten gebe. Unvermerkt würden sich noch andre Torheiten hinter
diese verstecken; denn ihre Familie ist zahlreich, und manche sehen einander so
ähnlich, dass es sehr leicht ist eine für die andere anzusehen. Was anders würde
also aus der Einschränkung der Vernunft und des Witzes erfolgen, als dass, unter
dem bleiernen Zepter der Dummheit, Aberglaube und Schwärmerei, Tyrannei über
Seelen und Leiber, Verfinsterung der Vernunft, Verderbnis des Herzens,
Ungeschliffenheit der Sitten, und zuletzt allgemeine Barbarei und Wildheit die
Oberhand gewinnen würden?
Und dies würde nicht etwa bloß eine zufällige Folge, es würde die notwendige
und unvermeidliche Wirkung davon sein, wenn man den freien Lauf der Vernunft und
des Witzes hemmen, und es in die Gewalt einzelner Personen geben wollte, den
Zügel, womit man sie gefesselt hätte