All ihr Lieben ist nur Gegenliebe. Blüte eines Triebes. Er sah auch, wie ein Mann den andern durchschaut, dass Fritz Patow wirklich verliebt war. Die Liste auf seinem Zettel war ja lang gewesen; beim prüfenden Überblick über all die junge Weiblichkeit in den Ballsälen und an den Festtafeln musste sich dann doch wohl seine innere Stimme - die man auch eine Herzensstimme nennen konnte, wenn man wollte - für Dory entschieden haben. Dass da allerehestens eine Verlobungsanzeige gedruckt werden würde, war klar. Sonst hätte der formvolle John nicht dieses Zusammensein durch seine Gegenwart gebilligt. Glückliche Naturen! So rasch, so unbesorgten Gemütes, so voll frohen Sinnes auf die höchste Stufe gemeinsamen Menschentums zueilen zu können. Allert musste sich zusammennehmen, um sich nicht in zu schwere Grübeleien zu verlieren. Er beschloss seine Neigung dazu mit dem Gedanken: Gottlob, dass auf diese Weise alle Tage noch zahllose Ehen geschlossen werden, sonst sähe es auch schlimm aus um den Staat. Das Gewöhnliche hat auch seine soziale Wichtigkeit. »Wo in aller Welt bleibt Marieluis?« fragte John die Hausfrau. »Wir werden ein Viertelstündchen zu warten haben mit dem Essen. Marieluis hat Abendschule und muss dann erst nach Hause, sich umzukleiden,« erklärte Frau Julia. John machte eine leise missbilligende Kopfbewegung. »Tante Amster ist mir unverständlich. Nun gottlob, dass ich ihr Dory entrissen habe,« sagte er. »Ich selbst, nun ich näher in diese Art Arbeit hineinsehe, muss gestehen, dass sie mir zu unweiblich ist.« Frau Julia sah nur John bei ihren Worten an, schien sich in keiner Weise an Allert zu richten. »Sie glauben nicht, was man alles kennen lernt. Lebensverhältnisse, Gewohnheiten, naive Sicherheit im Unmoralischen, Liederlichkeit, die aus den Wolken fällt, wenn man ihr vorstellt, dass sie Liederlichkeit ist - nein - Sie glauben gar nicht, Herr Vierbrinck! Und von diesen Dingen hat man ja gar keine Ahnung gehabt, das lernt man alles durch die Vereinstätigkeit kennen. Und ich meine auch, wenn sich Frauen so daran gewöhnen, all diese Dinge mit dem richtigen Namen zu benennen, verliert sogar die Sprache schon den feinen Zauber der Weiblichkeit. Und mit welchen Vorstellungen wird die Phantasie junger Mädchen getrübt, die sich in solche sozialen Unterschichten hinabbegeben.« »Sehr richtig, meine gnädige Frau.« »Ich bewundere die Opferfreudigkeit und den Verstand von Frau Senator Amster, sie ist eine der bedeutendsten Frauen, die ich kenne, nur aus unbegrenztem Respekt vor ihr mag ich mich nicht so rasch wieder von der Mitarbeit zurückziehen. Wo sie selbst mit solchem Fanatismus unermüdlich dabei ist.« »Ja,« sagte John, »Tante und Marieluis sind wirklich fanatisch.