Vorsorge ihm eine Sphäre geöffnet, wo diese Neigung ihren Ruhepunkt findet, indem die freiwillig übernommenen Pflichten ihr zugleich Schranken und Würde geben und die Weihe des Sakramentes ihr den Gnadenbeistand zu Kraft, Beharrlichkeit und Selbstverläugnung bringt, deren sie so sehr bedarf.« »Wovon sprechen Sie denn eigentlich, Herr Ernest?« fragte Judit gespannt. »Von der christlichen Ehe, Fräulein Judit.« »Von der Ehe? - so ernstaft feierlich? - Sie haben doch immer Ihre ganz eigentümliche Art sich auszudrücken!« »Von der christlichen Ehe, deren Bürde ohne die Gnade des Sakramentes für menschliche Schultern zu schwer ist - ja, von der spreche ich! Die Welt spricht von ihr, wie sie's versteht! Bald oberflächlich, bald schief. Für die jungen Damen ist die Ehe die Tür, durch welche sie ihren ersehnten Eintritt in die Gesellschaft machen, oder der Triumphbogen, durch den sie in das Königreich einer Liebe einziehen, welche der vielbesungenen Schönheit des Monats Mai darin ähnlich ist, dass sie nur in der Poesie existiert. Für die Mama's ist es eine Versorgungsanstalt der lieben Töchter. Für die jungen Herren ist sie ein Mittel, um Schulden zu bezahlen, um eine Karriere zu machen, um ein bequemes Leben zu führen, um sich anbeten zu lassen, und was dergleichen wichtige Gründe mehr sind, in welche denn allerdings auch etwas Neigung und die eigentümliche Entzündbarkeit des jugendlichen Herzens hineinspielen.« »Was Sie da sagen, ist ganz richtig und gar nicht übertrieben,« unterbrach ihn Judit. »Das habe ich schon mehrmals bei Anderen erlebt.« »Aber die Stellvertreterin Gottes hienieden, die heilige Kirche, betrachtet die Ehe anders«, fuhr Ernest fort, »nicht als eine Idylle, nicht als ein Fest der Herzen, sondern als eine heilige, unauflösliche Verbindung, bei der im Vorgrund die Übernahme strenger Verpflichtungen und schwerer Last, im Hintergrund das ernste und unter Tränen lächelnde Glück steht, welches durch herbe Kämpfe und vielfache Selbstverläugnung gegangen ist. Darum gibt sie der Ehe den Gnadenbeistand des Sakramentes, und unter diesem Schutz, mit dieser Weihe und dieser Hilfe ist es denn möglich, dass zwei Menschen sich mit dem Willen fortlieben, auch nachdem die Leidenschaft verrauscht und die Neigung verblüht ist. Ihr Genügen werden sie freilich nicht in dieser Liebe finden, aber sie werden lernen, sich zu begnügen, und da hiezu viel Resignation und Selbstüberwindung gehört, viel Opfermut und Hingebung an den göttlichen Willen: so können diese zwei Menschen in der Ehe ganz außerordentlich glücklich werden, weil sie, wie ich vorhin sagte, opferfreudig sind. Haben Sie mich verstanden, Fräulein Judit?« »Ich habe verstanden, dass kein Mensch einen Menschen ganz glücklich machen