Ein stiller Geist kam über mich. Mir ward woler denn je. Ich weiß nicht was für friedliche Anklänge voll süßer Melancholie aus den Tagen meiner Kindheit, aus der Erinnerung an meine Toten, mich anwehten! Sedlaczech war der Repräsentant jener Vergangenheit! unwillkürlich sah ich ihn von dem Kreise geliebter Geister umringt; unwillkürlich reihte ich ihn einer andern Ordnung der Wesen an. Ich hegte ihn mit zärtlicher und ehrfurchtsvoller Pietät in meinem Hause, wie den Barden aus den Tagen der Väter in den Ossianischen Gesängen. Ich sagte ihm das. »Bin ich wirklich so sehr alt und ehrwürdig?« fragte er lächelnd. Ich musste ihn auf diese Frage einmal gründlich betrachten. Nach einer Pause sagte ich: »Das Genie hat kein Alter, und Sie haben ein merkwürdiges Antlitz, Meister Fidelis - als hätte die Natur bei dessen Bildung mächtig tiefsinnige Gedanken gehabt, und als hätten Sie diese Gedanken alle erraten, alle ausgeführt.« Dies war ganz richtig! die Züge waren fest geschnitten und fester noch ausgebildet. Flammenfinger schienen magische Zeichen auf seine Stirn geschrieben - Elfenfinger deren strenge Furchen geglättet, und den Abglanz ihres eigenen Schimmers über sie gebreitet zu haben. Die graden starken Augenbrauen, der festgeschlossene Mund zeugten von unüberwindlicher Entschiedenheit; aber wenn diese Lippen sich im Lächeln oder im bewegten Sprechen lösten, so legte sich ein schmerz- und seelenvoller Schmelz weich und fast zitternd über sie. Das Auge ruhte unter der Felsenstirn in tiefer Höle wie ein farbenspielender Diamant, der sein Licht nach innen wendet und nur zuweilen dessen Reflex nach Außen blitzen lässt. »Sind Sie eine Jüngerin Lavaters? fragte er scherzend; und glauben Sie an dessen Physiognomik?« »Ich glaube an die Urmacht der Natur. Ist der Mensch nicht der Aus- und Abdruck der in ihm wohnenden, ihm uranfänglich eingehauchten Idee: so ist er ein Larvenbild, und dieses ist von einer wahrhaften Gestalt zu unterscheiden. Ich glaube dass Genius und Größe nicht wie Zieraffen aussehen und sich geberden; und glaube dass im Zieraffen ebensowenig Größe und Genius stecken. Ich glaube dass ein Engel nicht aussieht wie ein Teufel - dass ein Teufel die Maske eines Engels vornehmen und Diejenigen täuschen kann die gedankenlos mit ihm umgehen und sich täuschen lassen wollen - und dass der unbefangen beobachtende Blick sie unterscheidet. Und ich glaube endlich dass unser in dieser Beziehung ursprünglich scharfer Blick stumpf wird, weil er die allgemeine Sitte mitmacht den Menschen nach dem Rock zu beurteilen. Und Rock nenne ich nicht bloß seine Kleider - - sondern die ganze Form unter der er zur Erscheinung kommt, und die von den gekräuselten Haarspitzen bis zu den viereckigen Schuhspitzen conventionel ist.« »Wäre es nicht ein unerhörtes Unternehmen, entgegnete Sedlaczech, aus einem modernen Schuh auf das schöne Gebilde