wie die Tugend: sie sind beide in der Minorität auf unserer mittelmäßigen Erde. Ein großer Künstler ist eben so selten, als ein großer Mensch.« »Hört er Ihrer Meinung nach auf ein Mensch zu sein?« »Halb und halb! es kommen Inspirationen über ihn - er weiß nicht woher! es steigen Bilder vor ihm auf - er weiß nicht von wannen! streitende und ringende Gewalten werden in ihm rege, die kein äußerer Anlass, keine innere Leidenschaft geweckt! er sagt Dinge, die er noch nie gedacht! er schafft Gebilde, deren Gleichen er nicht geschaut! Allein er kann nicht der Kraft gebieten, welche sie aus dem Nichts hervorruft. Er muss warten, bis ein Gott, ein Dämon, ein Genius sie ihm einhaucht. Er besitzt höhere Gewalt, als die gewöhnlich menschlichen, sogar die allerglänzendsten Fähigkeiten; aber er wird von einer noch höheren Gewalt besessen. Er schreibt Gesetze vor, er stürzt Gebräuche und Meinungen, er beginnt und endet Epochen, wie ein Gott; aber er ist zugleich ein blinder, gehorsam dienender Priester im Tempel des Gottes. Und diese wundersamen Mischungen, welche essentiel seine Wesenheit ausmachen, stellen ihn gewissermaßen seitab von den selbstbewussten Menschen. Ich gestehe, dass ich immer eine Art von Scheu vor ihnen habe, die sonst meiner Natur fremd. Man ist nie sicher bei ihnen, ob sie bergan oder bergab steigen - ob sie Himmelslichter in die Tiefe leuchten, oder unterirdische Flammen am Himmel strahlen lassen wollen - ob sie ihre immensen Gaben wie der Reiter bändigen, oder wie das Ross ihnen gehorchen. Ich liebe sie nur par distance - in ihren Werken.« »Das ist recht weltmenschlich kalt gesprochen! Sie fürchten nur, in eine Sphäre fortgewirbelt zu werden, der Sie nicht gewachsen sind. Bedenken Sie nur, welche unermessliche Wohltat ein einziger Künstler für lange Zeiten und kommende Geschlechter werden kann, und Ihr Herz muss schlagen für ein Wesen, das von Gott zu einem Segen der Menschheit auserlesen ward, und das diese hohe Ehre vielleicht mit ungekannten und ungemessenen Schmerzen bezahlt hat.« »Aber durch welche Wonnen werden diese Wehen des ringenden und schaffenden Genius compensirt! ich denke mir, dass wenig Menschen eine Empfindung hatten, derjenigen gleich, womit Rafael vor seiner vollendeten Sixtinischen Madonna gestanden.« »Vor der vollendeten? kaum! - der Genius ist éminemment strebend, findet weder Genuss noch Befriedigung in dem Überwundenen, dem Geleisteten. Wenn die Konception in ihm aufgeht, dann glaub' ich, feiert er seine seligen Mysterien, gegen deren tiefsinnige, glühende, unirdische Trunkenheit unsere kleinen mäßigen Freuden freilich sehr grau aussehen mögen. Doch jener Rausch ist ein Moment, und dann steht er plötzlich in dem nüchternen Leben.