wie würde mich ihre gereizte Eitelkeit verfolgen! - Doch, Misbräuche mit Wahrheit anfeinden, darf eine jede Denkerin. Ich schwöre Dir, dass ich es ungerne tue, Dinge zu entdekken, die unserm aufgeklärten Jahrhundert nichts weniger als Ehre machen. - So viel für heute von Deiner Amalie. LXXXVIII. Brief An Amalie Deine beiden Briefe, meine Freundin, bestätigen ganz meinen Grundsaz, dass mit den wenigsten Weibern etwas vernünftiges anzufangen ist. - Ich kann nicht begreifen, wie man ihren Köpfen, die beinahe alle verdorben sind, das Werk der Erziehung anvertraut. - Die Nonnen erschleichen sich durch den Schein der Frömmigkeit das Zutrauen der leichtgläubigen Eltern, auf Unkosten der armen Jugend. Die Eltern sind gewohnt, das Kloster als eine sichere Festung der Tugend für ihre Kinder zu betrachten. - Riegel und Schlösser scheinen solchen blödsichtigen Leuten das besste Mittel, das jugendliche Feuer eines raschen Mädchens einzuschränken. Die Kurzsichtigen begreifen nicht, dass gerade das der Weg ist, ihre Töchter dem Abgrund zu nähern, dem sie an der Seite einer guten Mutter leichter entgehen würden. Lebhafte Temperamente bahnen sich durch Einsperrung den Weg zum hartnäkkigen Laster. - Das besste Mädchen wird dann durch Zwang zur boshaften Dirne, und befolgt nur widerspenstig ihre Pflichten. Klostererziehung ist eine verderbende Seuche, die durch schiefe Leitung die bessten Herzen zur Fäulnis bringt. Doch ist die üble Lehrart unter diesen Weibern nicht so sehr Nachlässigkeit, als Mangel an Einsichten. - Dumme Erziehung pflanzt sich von einer Nonne zur andern fort, und nur selten gibt es ein Weib, die Fähigkeit genug besizt, Menschen (im ganzen Verstande dieses Wortes) zu bilden. Ihr Despotismus ist gerade das gefährlichste Mittel, junge Seelen zu Grunde zu richten. Guteit, Sanftmut, Vernunft, Nachdenken, Ergründung der Temperamenten ist zwar nicht die Sache einer Jeden, weil ihr dieser Weg, aus Mangel an eigener Erziehung, selbst fremd ist. Solche Nonnen arbeiten meistens fürs liebe Brod, und kümmern sich wenig um das einzelne Wohl eines Zöglings, der für sein Geld sich seinen Untergang eintauscht. - Wäre es diesen Weibern um das Glük ihrer Zöglinge zu tun, so würden sie nicht mehr Kostgängerinnen annehmen, als sie übersehen können. Die Vernünftigste unter ihnen kann denn doch in ihren Mauern die nötige Erfahrung nicht haben, um ein Mädchen mit Welt- und Menschenkenntnis zu erziehen. Wo findet man unter den Weibern so leicht selbsterworbene Menschenkenntnis? - Ihre Köpfe sind mit etlich Duzzend Alltagssäzzen angefüllt, und auf diese gründet sich ihre ganze Erziehung, ohne Rüksicht auf die Verschiedenheit der Temperamente. Die klügern Protestanten lehren ihre Kinder in keinem Kloster, sondern im Kindersesselchen schon die Pflichten gegen Gott und ihre Nebenmenschen kennen; da hingegen die katholischen Klosterzöglinge manchmal ihr ganzes Leben hindurch kaum