Schnee war geschmolzen und der schneidende Wind milder geworden Meine kranken Füße die entzündet und bis zur Lahmheit geschwollen waren fingen bei der milderen Aprilluft zu heilen an die Nächte und Morgen erstarrten nicht mehr das Blut in unseren Adern durch ihre canadische Temperatur wir konnten es jetzt während der Spielstunde im Freien aushalten an sonnigen Tagen war sie sogar angenehm über die braunen Beete breitete sich ein grüner Schimmer aus und nahm jeden Tag zu und Blumen schauten unter den Blättern hervor Schneeglöckchen Krokus rote Aurikeln und goldäugige Stiefmütterchen Des Donnerstags wo wir nachmittags frei hatten machten wir Spaziergänge und fanden noch schönere Blumen die unter den Hecken an der Seite des Weges sproßten Ich entdeckte daß viel Schönes hinter den hohen Mauern unseres Gartens lag Ein Ausblick auf hohe Berge und ein großes grünes schattenreiches Thal zwischen ihnen auf einen silberhellen Bach voll dunkler Steine und schäumender Strudel entzückte das Auge Wie anders hatte diese Landschaft ausgesehen als ich sie unter dem bleischweren Winterhimmel mit Schnee bedeckt und im Frost erstarrt zuerst sah Damals lag dicker Nebel auf den Bergen den Wiesen den Abhängen und dem Bache Dieser war damals ein Strom der Holz und Geröll mit sich fortriß und die Luft uit einem tobenden Geräusch erfüllte das oft noch durch das Rauschen des Regens und Poltern des Hagels verstärkt wurde und der schöne Wald an seinen Ufern sah mit seinen kahlen Bäumen die Reihen von Skeletten glichen traurig aus Aus dem April wurde Mai und ein schöner heiterer Mai blauer Himmel sanfter Sonnenschein und weiche West oder Südwinde herrschten während des ganzen Monats alles grünte und blühte die Skelette der mächtigen Ulmen Eschen und Eichen bedeckten sich mit Blättern unter ihnen sproßten Waldpflanzen in reicher Fülle zahllose Arten von Moos wuchsen in den Vertiefungen und die gelben Schlüsselblumen bedeckten stellenweise den Boden so dicht daß es fast aussah als ob auf den schattigsten Stellen heller Sonnenschein läge Alles dies konnte ich oft unbewacht in vollster Freiheit meist ganz allein genießen Dieser ungewohnte Genuß hatte eine besondere Ursache von der ich jetzt berichten muß Wenn ich soeben unser Asyl schilderte wie es in Hügeln und Wäldern eingebettet an den Ufern des Wassers lag so bot ich dem Leser doch wohl ein erfreuliches Bild Freundlichgenug war Lowood gelegen aber ob es auch eine gesunde Lage hatte das ist eine andere Frage Das Waldthal in welchem Lowood lag war der Herd von ungesunden Nebeln die ansteckende Krankheiten erzeugten Mit dem schnell hereinbrechenden Frühling schlichen sie sich in unsere Anstalt ein in dem überfüllten Hause brach der Typhus aus und machte es zu einem Lazareth noch ehe der Mai da war Mangelhafte Ernährung und vernachlässigte Erkältungen hatten die meisten Schülerinnen für die Ansteckung empfänglich gemacht von den achtzig Mädchen lagen fünf und vierzig zu gleicher Zeit krank darnieder Der Unterricht wurde ausgesetzt die Hausgesetze weniger streng durchgeführt Den wenigen welche noch gesund waren wurde die größte Freiheit gestattet weil der Arzt darauf bestand daß sie sich möglichst viel im Freien bewegen