Meine lieben jungen Freundinnen Es ist schon lange her daß ich so jung war wie Ihr es jetzt seid aber die Erinnerung an meine Jugendempfindungen ist mir deshalb noch nicht abhanden gekommen Ich weiß noch recht gut was mir damals Freude machte mein Interesse erregte und meine Gedanken beschäftigte Ja einige von den Neigungen welche mich schon in der Kindheit beherrschten sind mir bis in mein Alter treu geblieben vor allen anderen die Lust am Lesen Heute schaue ich in jedes Buch hinein das mir in die Hand kommt durchblättere es und entscheide für mich selbst ob ich es lesen will oder nicht In meiner Jugend war das anders da wurde mir der Einblick in manches Buch versagt dessen Titel schon genügte meine Phantasie in Feuer und Flamme zu versetzen und das ich mit großem Herzeleid in den Tiefen eines verschlossenen Bücherschranks verschwinden sah wenn ich eben Miene machte mir seinen Inhalt anzueignen Ich glaube damals hielt ich es fast für eine Art Grausamkeit daß ich nicht jedes Buch lesen durfte jetzt freilich denke ich anders darüber Die Zeit hat mich einsehen gelehrt daß selbst die Unterhaltungsbücher lum diese handelte es sich damals vorzugsweise für mich oft Charaktere schildern deren Handlungsweise begründen oder ihnen Schicksale andichten für welche die Jugend noch kein Verständnis haben kann weil ihr einfach das Alter und mit ihm die Lebenserfahrungen fehlen welche dieses bedingt Später sind mir unter den Büchern deren Lektüre mir in der Jugend versagt wurde viele begegnet die mit einem Teile ihres Inhaltes wohl geeignet sind auch jungen Lesern Freude zu machen ihnen Unterhaltung und Belehrung zu bieten und sie ebenso zur Entwickelung des Guten was in ihnen schlummert anzuspornen wie zur Unterdrückung der ihnen innewohnenden Fehler Solche Bücher habe ich namentlich in der englischen Literatur gefunden die ihre Stoffe so vielfach dem täglichen Leben entnimmt und uns in ihren Romanen so oft einen Spiegel unserer selbst und unserer Umgebung vorhält Da habe ich oft gewünscht der lieben Jugend diesen oder jenen Spiegel auch vorhalten zu können denn es ist heilsam und nötig daß der Mensch sich im Spiegel beschaue in dem welcher sein geistiges Bild zurückwirft sowohl als in dem welcher sein leibliches wiedergiebt Denn sagt es selbst wo können wir uns anders selbst sehen als im Spiegel Und durch wen können wir es sicherer erfahren ob wir uns zu immer würdigeren Geschöpfen unseres Schöpfers heranbilden als durch den Spiegel Freilich gehört schon etwas Kunst dazu in diesen Wunderspiegel von Papier und Oruckerschwärze zu schauen und aus dem Vielen was er wiederspiegelt herauszulesen was uns angeht oder frommt doch ganz fremd wird Euch diese Kunst nicht sein und das Leben vervollkommnet sie wunderbar bei Menschen die das Wachstum in der Selbsterkenntnis ernstlich suchen Daß Ihr das thut setze ich zu Eurem eigenen Heile von Euch voraus meine lieben jungen Freundinnen und wenn dieses Buch solchem löblichen Streben etwas zu Hilfe kommen sollte so würde das innige Freude bereiten der Verfasserin Erstes Kapitel Es war unmöglich heute unsern gewöhnlichen Spaziergang zu machen