Die Waise von Lowood Für die reifere Augend erzählt Auguste Wachler Mit 4 Farbendruckbildern Zweite Auflage Leipzig Verlag von Carl Zieger Erstes Kapitel Ungefähr fünfundsiebzig Kilometer von London dieser Riesenstadt von mehr als vier Millionen Einwohnern und zugleich der Haupt und Residenzstadt des von den Wellen der Nordsee und des Großen Atlantischen Ozeans rings umspülten Großbritannischen Königreichs in nordwestlicher Richtung entfernt liegt in hügelumgrenzter und schön bewaldeter Gegend ein großer freundlicher Landsitz der aus einer Vereinigung von mehreren teils unter einander zusammenhängenden teils in geringer Entfernung von einander befindlichen Gebäuden besteht Ein reicher und wohlgepflegter Park umschloß rings den ganzen Landsitz und trennte ihn fast von jedem direkten Verkehr mit der Außenwelt der nur auf der rechten und auf der linken Seite des den Park einschließenden hohen und dichten Zaunes durch je ein großes Einfahrtsthor vermittelt wurde Durch diese Thore führten breite und in gutem Stande erhaltene Fahrwege bis unmittelbar vor das herrschaftliche Wohngebäude und die in dessen beinahe unmittelbarer Nähe gelegenen Wirtschaftsräume und Stallungen Die weitere Umgebung dieses Landsitzes bestand aus fruchtbaren Getreidefeldern Wiesengründen und wirklich herrlich erhaltenen Waldbeständen welche letztere den wertvollsten Teil der Besitzung bildeten Der Landsitz ward Gateshead genannt und wurde von einem reichen und angesehenen Manne Namens Mister Georg Reed und dessen Familie bewohnt welche aus seiner Gattin Mistreß Sarah Reed einer schönen hochgewachsenen aber stolzen und etwas hochmütigen Frau von vielleicht I8 Jahren und aus zwei Kindern der etwa zwölfjährigen Georgine und dem achtjährigen John bestand Mister Georg Reed stand im 15 Lebensjahre und beschäftigte sich obwohl er ein großes Vermögen besaß von dessen Erträgnissen er mit seiner Familie auch bei erhöhten Lebensansprüchen mehr als genügend hätte auskommen können mit der eigenen Bewirtschaftung seiner Felder und Wälder wobei ihm nur ein Verwalter neben dem geringeren Dienstpersonale helfend zur Seite stand Seiner Gattin zwar behagte das einfache Leben das nur höchst selten einmal durch Besuch von benachbarten Landsitzen oder aus London unterbrochen wurde nicht im geringsten und oft schon hatte sie den Versuch gemacht ihren Gatten zur Übersiedelung nach der geräuschvolleren aber mehr Zerstreuungen und Vergnügungen verheißenden Hauptstadt des Königreichs zu bestimmen indem sie hierbei auf die Erziehung ihrer beiden heranwachsenden Kinder hauptsächlich hinwies Reed jedoch war nicht zum Verlassen seines ihm lieb und wert gewordenen Besitztums zu bewegen und hatte wegen der Erziehung seiner Kinder den Ausweg getroffen daß er als ein wissenschaftlich hochgebildeter Mann seinem Sohne den ersten Unterricht selbst erteilte und ihn somit für den Besuch eines Gymnasiums vorbereitete während er für seine Tochter bereits einige Jahre zuvor ehe unsere Erzählung beginnt in Miß Bessie Home eine tüchtige und vielseitig gebildete Gouvernante in das Haus genommen und dieser Georginens Unterricht übertragen hatte Reed war ein gütiger und liebevoller Vater der in dem Besitz seiner Gattin und seiner beiden aufblühenden und sich kräftig entwickelnden Kinder sein höchstes Glück fand aber er konnte auch ernst streng ja unerbittlich sein wenn es einen Fehler eine Nachlässigkeit zu rügen eine Unart eine Ungezogenheit zu verbieten oder eine Widerspenstigkeit oder ein Nichtbefolgen seiner direkten Weisungen zu strafen