von ganzer Seele geliebt Dreiundzwanzigstes Kapitel Am Abend vor dem Johannistage war Adele die im Walde den ganzen Tag wilde Erdbeeren gepflückt hatte todmüde mit Sonnenuntergang zu Bett gegangen Ich blieb bei ihr bis sie eingeschlafen war und begab mich dann in den Garten hinab Es war jetzt die lieblichste Stunde von den vierundzwanzig vorbei war des Tages Glutfeuer und ein kühler Tau fiel auf die düstere Ebene und die ausgedörrten Höhen Wo die Sonne am wolkenlosen Himmnel untergegangen war breitete sich ein Purpurmeer über dad halbe Firmament aus Der Osten hatte einen eigentümlichen Reiz in seinem schönen tiefen Blau und als bescheidenen Edelstein einen aufgehenden einsamen Stern bald sollte auch dort der Mond in seiner Pracht erglänzen aber er war noch unter dem Horizont Ich ging auf dem Steinpflaster eine Weile auf und ab aber ein feiner mir wohlbekannter Geruch der einer Zigarre kam aus irgend einem Fenster hervor vielleicht war es das Fenster des Bibliothekzimmers das eine Hand breit offen stand Ich wußte daß ich von dort beobachtet werden konnte und ging daher nach einer andern Seite in den Obstgarten Kein Winkel in dem ganzen Park war besser geschützt und mehr einem Eden gleich er war voller Bäume und blühender Zierpflanzen eine sehr hohe Mauer trennte ihn von dem Hofraume auf einer Seite auf der andern Seite schied ihn eine Buchenallee von dem Rasenplate ab Im Hintergrunde befand sich ein verfallener Zaun der ihn allein von den einsamen Feldern sonderte Ein gekrümmter Weg von Lorbeerbäumen eingefaßt und von einem riesigen wilden Kastanienbaum abgeschloßen an dessen Fuß ringsumher eine Bank angebracht war führte hinab zu dem Zaune Hier konnte man auf und ab wandeln ohne gesehen zu werden Während solch ein Honigtau fiel solch eine Stille herrschte solch eine Dämmerung allmählich niedersank kam es mir vor als könnte ich auf immer in solch einem Schatten verweilen Wie ich aber durch die Blumenbeete gehe dringt abermals der angenehme Geruch zu mir Dieser Geruch kann nur von Herrn Rochesters Zigarre herrühren Ich Blicke umher und horche Ich sehe Bäume beladen mit reifen den Früchten Ich höre eine Nachtigall in einer Entfernung von einigen hundert Schritten ihren Gesang anstimmen es ist keine Gestalt sichtbar die sich bewegt kein Schritt läßt sich hören der sich nähert aber der feine Geruch wird stärker ich muß mich flüchten Ich eile zu dem Pförtchen hin das zu der Eingangsallee führt und sehe Herrn Rochester hineingehen Ich trete auf die Seite unter die Efeunische er wird bald dahin zurückgehen wo er hergekommen ist und wenn ich mich hier nicht rühre so wird er mich nicht sehen Aber nein die Abendzeit ist für ihn so angenehm und der altertümliche Garten so anziehend wie für mich er schlendert umher hebt bald die Zweige der Stachelbeerstauden empor um sich die pflaumengroßen Beeren anzusehen bald pflückt er eine reife Kirsche von der Mauer bald bückt er sich zu einem Haufen Blumen nieder um ihren Duft einzuatmen oder um die Tauperlen auf ihren Blättern zu bewundern Ein großer Nachtfalter schwärmt summend an