empfand täglich deutlicher daß ich um dies zu vollbringen meine Natur zur Hälfte verleugnen meine Neigungen unterdrücken und mich zu Beschäftigungen zwingen müsse zu denen ich gar nicht veranlagt war Er wollte mich auf eine Höhe führen zu der ich mich nicht aufschwingen konnte Es war mir das ebenso unmöglich wie meinem unregelmäßigen Gesicht die klassische Schönheit des seinen meinen grünlich schillernden Augen die wasserblaue Farbe den ruhigen Glanz der seinen zu verleihen Es kam noch eins hinzu Ich war jetzt immer traurig gestimmt Seitdem die Not mich nicht mehr im Bann hielt seitdem die tägliche Arbeit meine Gedanken nicht mehr ganz für sich beanspruchte mußte ich wieder oft und viel an Herrn Rochester denken und es erfüllte mich mit bangem Weh daß ich über sein Schicksal so völlig im unklaren war Ich schrieb an Rechtsanwalt Briggs mit dem ich in der Erbschaftssache viel korrespondierte aber er konnte mir keine Auskunft geben dann schrieb ich an Frau Fairfax Ich war fest überzeugt die gute Alte würde mir antworten doch als auf einen zweiten Brief von mir nach zwei Monaten noch keine Antwort eintraf da fiel ich der tödlichen Angst zum Opfer Ein halbes Jahr wartete ich vergebens dann starb alle Hoffnung in mir Und nun ward es dunkel um mich her Der Frühling zog ins Land es sproßte und blühte rings umher Diana riet mir an die See zu gehen doch St John erklärte mir fehle es nur an Beschäftigung mein jetziges Leben sei ohne Zweck ohne Ziel Eine Aufgabe das sei es was mir nottäte Er verlängerte nun die Unterrichtsstunden und drang darauf daß ich mich im Hindostanischen vervollkommne Und ich Närrin widersprach ihm nicht ich konnte ihm einfach nicht widerstehen An einem herrlichen Frühlingstage kam endlich ein Brief an ich zitterte vor Freude als ich ihn öffnete Doch als ich ihn las war es nur ein ganz unwichtiger Geschäftsbrief von Herrn Briggs Meine Augen flossen von Tränen über schluchzend sank ich nieder St John gab mir eben Unterricht Er nahm gar keine Notiz von meinem Schmerz Ruhig unterbrach er die Stunde mit den Worten Wir machen eine Pause Johanna bis Sie wieder ruhig sind Nun saß er mir regungslos gegenüber wie ein Arzt der einen interessanten Fall beobachtet Als das Schluchzen sich gelegt hatte trocknete ich mir die Augen murmelte ein paar Worte der Entschuldigung und nahm meine Arbeit wieder auf Aber St John klappte meine und seine Bücher zu und sagte plötzlich Johanna wir wollen heute lieber einen Spaziergang machen Dann will ich Diana und Mary rufen sagte ich Nein heute will ich mit Ihnen allein sein erwiderte er Gehen Sie zur Küche hinaus und schlagen Sie den Weg nach der Marschenschlucht ein In wenigen Minuten bin ich bei Ihnen Es gab für mich keine Mittelstraße Im Umgang mit harten energischen Charakteren die dem meinen schroff entgegengesetzt waren habe ich mich nie zwischen völliger Unterwerfung und starrsinniger Auflehnung halten können und oft bin ich eine Zeitlang getreu den einen Weg gegangen bis ich plötzlich mit vulkanischer Heftigkeit