Jane Eyre Roman von Currer Bell Aus dem Englischen übersetzt von Dr Chr Fr Grieb Erstes bis fünftes Bändchen Stuttgart Verlag der Franckh'schen Buchhandlung 1850 Erstes Kapitel Es war nicht möglich an dem Tage einen Spaziergang zu machen Zwar waren wir während des Morgens eine Stunde lang in dem unbelaubten Lustgebüsche umhergewandelt aber seit dem Mittagessen — Mistreß Reed pflegte sehr früh zu Mittag zu speisen wenn keine Gesellschaft da war — hatte der kalte winterliche Wind so düstere Wolken und einen so durchdringenden Regen mit sich gebracht daß von einem weiteren Spazierengehen im Freien nicht mehr die Rede sein konnte Das war mir recht denn ich hatte nie weite Spaziergänge gern am wenigsten aber an kalten Nachmittagen es war für mich etwas Schreckliches mit halberfrorenen Fingern und Zehen in der öden Dämmerung nach Hause zu kommen das Schelten der Kindermuhme Bessie stimmte da mein Herz noch trauriger und ich war da durch das Bewußtsein gedemüthigt daß ich Eliza John und Georgiana Reed in physischer Beziehung weit nachstehe Eliza John und Georgiana hatten sich nun um ihre Mama im Gesellschaftszimmer gedrängt sie lag auf einem Sopha nahe beim Kamin und schien umgeben von ihren Lieblingen — die für den Augenblick weder schrien noch sich zankten — vollkommen glücklich Was mich betrifft so hatte ich mich nicht der Gruppe anschließen dürfen Mistreß Reed sagte sie bedaure mich in einiger Entfernung halten zu müssen so lange sie aber nicht von Bessie höre und aus eigener Erfahrung wisse daß ich mich ernstlich bestrebe mir eine geselligere und kindlichere Gemüthsart ein anziehenderes lebhafteres leichteres unbefangeneres und natürlicheres Wesen anzueignen müsse sie mich in der That von Vorrechten ausschließen die bloß für zufriedene frohe kleine Kinder bestimmt seien ‘Was sagt Bessie daß ich gethan habe ’ fragte ich ‘Jane Leute die so gerne widersprechen und so viel fragen mag ich nicht leiden zudem ist es wahrhaft entsetzlich ein Kind sich gegen ältere Personen so benehmen zu sehen Setz Dich irgend wo hin und schweig so lange Du nicht angenehm reden kannst Ein kleines Zimmer worin gewöhnlich das Frühstück eingenommen wurde befand sich neben dem Gesellschaftszimmer ich schlich mich in dasselbe Es war darin ein Bücherschrank bald griff ich nach einem Bande nahm aber einen mit Bildern Ich stieg auf den Fenstersitz nachdem ich meine Füße untergeschlagen hatte saß ich da wie ein Türke sodann zog ich den Vorhang von rothem Mohr fast ganz zu und sah mich in doppelter Weise geschützt Die Falten der scharlachrothen Draperie schützten mich auf der rechten Seite vor jedem Blicke auf der linken waren die hellen Glasscheiben die mich zwar vor dem trüben Novembertage schützten aber nicht davon trennten Von Zeit zu Zeit studierte ich den Anblick dieses Winternachmittages während ich in meinem Buche blätterte In der Ferne war es eine bleiche Wolken und Nebelmasse in der Nähe eine Scene von sturmbewegten Gesträuchen und einem nassen Rasenplatze in Verbindung mit nie endendem Regen der vor lang gehaltenen und klagenden Windstößen wild daher jagte Ich kam zu meinem Buche zurück —