Opfer Ich schrieb noch einmal Es war die Möglichkeit vorhanden daß mein erster Brief in Verlust geraten Der neuen Bemühung folgte neue Hoffnung wie die erste leuchtete sie mir einige Wochen dann flackerte sie wie jene noch ein paar Mal auf um wiederum gänzlich zu verlöschen Nicht eine Zeile Nicht ein Wort Als ein halbes Jahr in vergeblicher Erwartung verflossen erstarb alle Hoffnung in mir Und jetzt ward es dunkel um mich Ein lieblicher Frühling erblühte ringsumher ich konnte mich nicht an ihm erfreuen Der Sommer nahte Diana bemühte sich mich zu erheitern sie sagte ich sähe krank aus und erbot sich mich an den Meeresstrand zu begleiten Dem widersetzte sich St John er sagte ich bedürfe nicht der Zerstreuung sondern der Beschäftigung mein jetziges Leben habe keinen Zweck kein Ziel und das brauche ich notwendig Vermutlich um die Lücken auszufüllen verlängerte er meine Stunden im Hindostanischen noch und wurde noch dringender in dem Verlangen daß ich mich in dieser Sprache vervollkomme Und ich – Thörin die ich war – dachte nicht einmal daran ihm zu widersprechen – ich konnte ihm nicht widerstehen Eines Tages war ich noch niedergeschlagener als gewöhnlich zur Stunde gekommen Dies war durch eine harte Enttäuschung hervorgerufen Hannah hatte mir am Morgen gesagt es sei ein Brief für mich eingetroffen und als ich hinunterging um ihn in Empfang zu nehmen beinahe fest überzeugt daß die lange und innig herbeigesehnten Nachrichten mir endlich geworden seien fand ich nur einen ganz unwichtigen Geschäftsbrief von Mr Briggs Der harte Schlag hatte mir einige Thränen ausgepreßt und als ich jetzt über die verschnörkelten Schriftzüge und die blütenreiche Sprache eines indischen Scribenten gebeugt saß füllten meine Augen sich von neuem mit Thränen St John rief mich an seine Seite um zu lesen als ich versuchte dies zu thun versagte mir die Stimme Schluchzen erstickte meine Worte Außer ihm und mir war niemand im Wohnzimmer Diana war mit ihrer Musik im Salon beschäftigt Mary arbeitete im Garten Es war ein herrlicher klarer sonniger luftiger Maientag Mein Gefährte legte durchaus keine Verwunderung über meine Bewegung an den Tag und ebensowenig befragte er mich über ihre Ursache Er sagte nur »Jane wir wollen einige Minuten warten bis Sie gefaßter sind.« Und während ich so schnell wie möglich den Paroxismus zu unterdrücken suchte saß er ruhig und geduldig da auf sein Pult gelehnt wie ein Arzt welcher mit dem Auge der Wissenschaft eine längst und sicher erwartete vollständig erklärte Krisis in der Krankheit eines Patienten beobachtet Als ich aufgehört zu schluchzen meine Augen getrocknet und etwas gemurmelt hatte wie daß ich heute morgen nicht ganz wohl sei begann ich von neuem mit meiner Arbeit und versuchte damit zu Ende zu kommen Dann legte St John seine und meine Bücher beiseite verschloß sein Pult und sagte »Jetzt Jane sollen Sie einen Spaziergang machen und zwar mit mir.« »Ich werde Diana und Mary rufen.« »Nein Heute morgen brauche ich nur eine Gefährtin und die müssen Sie sein Kleiden Sie sich an gehen Sie durch die Küchenthür hinaus