und Licht erloschen In schaurigem Wachen ging die Nacht für mich langsam hin Entsetzen und Angst hielten Ohren Augen und Sinne wach – Entsetzen und Angst wie nur Kinder es zu empfinden imstande sind Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange ernste körperliche Krankheit nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven deren Widerhall ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde Ja Mrs Reed Ihnen verdanke ich gar manchen qualvollen Schmerz der Seele Aber ich sollte Ihnen verzeihen denn Sie wußten nicht was Sie thaten während Sie jede Faser meines Herzens zerrissen glaubten Sie nur meine bösen Neigungen und Anlagen zu ersticken Am nächsten Tage gegen Mittag war ich bereits aufgestanden und angekleidet und saß in einen warmen Shawl gehüllt vor dem Kaminfeuer Ich fühlte mich körperlich schwach und gebrochen aber mein schlimmstes Übel war ein unaussprechlicher Jammer der Seele ein Jammer der mir fortwährend stille Thränen entlockte kaum hatte ich einen salzigen Tropfen von meiner Wange getrocknet als auch schon ein anderer folgte Und doch meinte ich daß ich augenblicklich glücklich sein müßte denn keiner von den Reeds war da alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen spazieren gefahren auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer und während Bessie hin und her ging Spielsachen forträumte und Schiebladen ordnete richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich Diese Lage der Dinge wäre für mich ein Paradies des Friedens gewesen für mich die ich nur an ein Dasein voll unaufhörlichen Tadels und grausame Sklaverei gewöhnt war – aber in der That waren meine Nerven jetzt in einem solchen Zustande daß keine Ruhe sie mehr sänftigen kein Vergnügen sie mehr freudig erregen konnte Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte mir jetzt einen Kuchen herauf der auf einem gewissen bunt gemalten Porzellanteller lag dessen Paradiesvogel welcher sich auf einem Kranz von Maiglöckchen und Rosenknospen schaukelte stets eine enthusiastische Bewunderung in mir wach gerufen hatte Gar oft hatte ich innig gebeten diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen um ihn genauer betrachten zu können bis jetzt hatte man mich aber stets einer solchen Gunst für unwürdig gehalten Jetzt stellte man mir nun diesen kostbaren Teller auf den Schoß und bat mich freundlich das Stückchen auserlesenen Gebäcks welches auf demselben lag zu essen Eitle Gunst Sie kam zu spät wie so manche andere die so innig erwünscht und so lange versagt worden war Ich konnte den Kuchen nicht essen und das Gefieder des Vogels die Farben der Blumen schienen mir seltsam verblaßt – ich schob sowohl Teller wie Gebäck von mir Bessie fragte mich ob ich ein Buch haben wolle Das Wort Buch wirkte wie ein vorübergehendes Reizmittel und ich bat sie mir »Gullivers Reisen« aus der Bibliothek zu holen Dieses Buch hatte ich schon unzählige Male mit Entzücken gelesen ich hielt es für eine Erzählung von Thatsachen und entdeckte in ihm eine Ader die ein weit tieferes Interesse für mich hatte als dasjenige welches ich in Märchen gefunden hatte denn nachdem ich die Elfen vergebens unter