Gedankenlaufe Doch erkannte ich an dem häufigen Leuchten seiner Augen und dem Wechsel seiner Gesichtszüge daß sein Geist stürmisch bewegt in vollem Aufruhr war Die Natur denke ich erschien ihm auch nicht wie seinen Schwestern als eine Quelle reiner Freuden Ein einzigesmal ließ er sich in meiner Gegenwart vernehmen die Umgegend sei romantisch und er habe eine angeborene Zuneigung zu dem finsteren alterthümlichen Gebäude das er seine Heimat nannte aber der Ton mit dem er diese Worte aussprach war mehr düster als freudig und nie suchte er das Sumpfland um seiner eigenen wilden Schönheit wegen auf Bei seinem gänzlichen Mangel an Mittheilsamkeit verging eine geraume Zeit bevor ich Gelegenheit fand sein Gemüth zu ergründen Ich konnte dies zuerst bei einer Predigt thun die er in seiner Kirche zu Morton hielt Ich wollte ich könnte diese Erbauungsrede beschreiben allein es überstiege meine Kräfte und kaum bin ich im Stande ein getreues Bild des Eindruckes zu geben den dieselbe auf mich hervorbrachte Der Anfang derselben war ruhig gehalten und sie blieb es auch was den Vortrag und den Ton der Stimme anbelangt bis ans Ende ein tiefgefühlter doch knapp im Zaum gehaltener religiöser Eifer athmete durch die deutlich gesprochenen Sätze und schien dem Prediger alle die kräftigen Worte einzuflößen Die Sprache wurde stärker doch gedämpft und unter Aufsicht gestellt überschritt sie nicht das richtige Maß Die geistige Ueberlegenheit des Redners erschütterte das Herz zwang den Geist zur Verwunderung doch wurde weder das eine noch der andere gerührt milder gestimmt Eine sonderbare Bitterkeit durchwehte die ganze Rede und der gänzliche Mangel an tröstender versöhnender Sanftmuth sowie die häufigen Anspielungen auf calvinistische Lehrsätze mußten auffallen eine jede Hinweisung auf diese letzteren ertönte wie ein Urtheilsspruch Als die Predigt zu Ende war fühlte ich mich statt besser ruhiger aufgeklärter zu sein unendlich trübe gestimmt denn es kam mir vielleicht auch nur mir so vor als wäre die ganze Beredtsamkeit einem durch vereitelte Wünsche ungestillte Begierden und unruhige Bestrebungen erbitterten und erregten Gemüthe entsprungen Gewiß hatte St John Rivers trotz seines tadellosen Lebenswandels und seiner gewissenhaften eifrigen Pflichterfüllung den Frieden Gottes ebenso wenig gefunden als ich die ich durch den Verlust meines Ideals meines Paradieses eine Beute des nagendsten Schmerzes geworden war der mich noch immer mitleidslos quälte wiewohl ich seiner in der letzten Zeit weniger Erwähnung that Inzwischen war ein Monat vergangen Diana und Mary sollten in kurzer Zeit das väterliche Haus verlassen und auf ihre Posten als Erzieherinnen in einer großen Stadt Süd-Englands zurückkehren wo sie in zwei verschiedenen sehr reichen und sehr angesehenen Familien dienten die sie in ihrer Hochnäsigkeit eben nur als Dienstboten ansahen und ihre Talente und Kenntnisse gerade so schätzen wie man etwa die Geschicklichkeit einer Köchin und den Geschmack einer Kammerzofe anerkennt Mister St John hatte noch mit keinem Worte angedeutet daß er für mich eine Beschäftigung gesunden habe und doch war es nun höchste Zeit für mich irgend einen Beruf anzutreten Eines Morgens wo ich mit ihm eine kurze Zeit allein blieb unternahm ich es ihn in seiner