sanftere Luft des April begann zu wehen Die Spielstunden konnten jetzt im Garten unbehindert verbracht werden lachte die Sonne am Himmel so war es sogar angenehm und heiter im Freien die braunen Gartenbeetchen nahmen eine grüne Färbung an und riefen die Hoffnung wach daß sie bald noch deutlichere Spuren ihrer Verjüngung erscheinen lassen würden Auch wurden den Zöglingen zuweilen die Gartenpforte geöffnet so daß sie auch den Genuß einer entzückenden Fernsicht genossen welche in den herrlichsten Farben prangte und nur durch den Horizont begrenzt wurde Der April ging in den Mai über ein herrlicher heiterer Mai war es von blauem Himmel lieblichem Sonnenschein und sanften West oder Südwinden durchfächelt Jetzt zeigte sich die Vegetation in ihrer ganzen Kraft Der Wald wurde grün und blühend Ulmen Eichen Eschen nahmen wieder ihr üppiges strotzendes Leben an Waldpflanzen sproßten zu deren Wurzeln empor zahllose Abwechselungen von Moos füllten die übrigen Zwischenräume aus und die Menge von goldgelben Himmelschlüsseln breiteten einen seltsamen Schimmer über den Boden aus Dies Alles konnte Jane frei und unbewacht in vollen Zügen genießen aber nur ein Umstand schmälerte ja beeinträchtigte diesen Genuß ein Umstand der die Quelle unsäglichen Elends bildete Die Lowood»Stiftung lag in einer Waldschlucht aus welcher besonders im Frühling fast täglich ein furchtbarer Nebel aufstieg der in seinem Gefolge einen Herd von Krankheiten mitbrachte eine epidemische Seuche die mit dem wiedererwachenden Leben in der Natur ausbrach um sich griff in die Stiftung einschlich ihre Ausdünstungen über sämtliche Unterrichts und Schlafzimmer ausbreitete und beinahe den ganzen Ort aus einer Schule in ein Krankenhaus verwandelte Der halbverhungerte Zustand und die nicht sorgsam behandelten öfteren Erkältungen gaben der Seuche ein ergiebiges Feld für ihre Wut so daß von achtzig anwesenden Zöglingen fünfzig krank darniederlagen Die einzelnen Klassen mußten aufgehoben und die stets gewahrte strenge Zuchtregel milder gehandhabt werden Zu den Wenigen die gesund geblieben waren zählte glücklicher Weise Jane und diesen wurde beinahe unbeschränkte Freiheit erteilt da die Ärzte die größtmöglichste Bewegung im Freien für unbedingt notwendig hielten wenn nicht auch die gesund Gebliebenen noch auf das Krankenlager gestreckt werden sollten Miß Temple war auch hier wieder der gute Engel der unglücklichen Kinder unermüdlich widmete sie ihre Pflege und Sorgfalt den Patienten weilte beständig in dem Krankenzimmer und verließ es nur wenn sie sich einige unvermeidliche Stunden der Ruhe gönnen mußte Die übrigen Lehrerinnen mußten das Einpacken und die erforderlichen Vorbereitungen für diejenigen gesunden Mädchen treffen denen es vom Geschick noch beschieden war Freunde und Verwandte zu haben bei welchen sie für die Zeit der Not Schutz und Aufnahme fanden um von dem Herd der Ansteckung so weit wie möglich entfernt zu sein So manche Mädchen die schon den Keim der Krankheit in sich trugen kamen krank nach Hause um dort zu sterben mehrere auch starben in der Stiftung und wurden rasch und geräuschlos begraben zumal die Beschaffenheit der Krankheit nach dem Verscheiden so wenig wie möglich Verzögerung in der Beerdigung zuließ Während diese entsetzliche Seuche in Lowood herrschte und der Tod kein seltener Gast in seinen Mauern war während