länger aufschieben als es durchaus nöthig ist.“ „Mama läßt sich am Abend nicht gern stören “ sagte Elise Bald darauf stand ich auf nahm ruhig und unaufgefordert meinen Hut ab zog meine Handschuhe aus und sagte ich wolle nur zu Bessie hinausgehen die wahrscheinlich im Bedientenzimmer sei und sie bitten sich zu erkundigen ob Mistreß Reed geneigt sei oder nicht an dem Abend noch meinen Besuch anzunehmen Ich ging und nachdem ich Bessie gefunden und abgeschickt begann ich weitere Maßregeln zu nehmen Bisher war es meine Gewohnheit gewesen vor dem Hochmuthe zurückzuweichen und noch vor einem Jahr würde ich bei einem solchen Empfange wie mir heute zu Theil geworden beschlossen haben Gateshead am nächsten Morgen zu verlassen doch jetzt sah ich sogleich ein daß dies ein thörichter Plan sei Ich hatte eine Reise von hundert Meilen gemacht um meine Tante zu besuchen und mußte bei ihr bleiben bis sie wieder hergestellt oder todt war Den Stolz oder die Thorheit ihrer Töchter durfte ich nicht berücksichtigen und mußte mich davon unabhängig machen Ich wendete mich also an die Haushälterin bat sie mir ein Zimmer anzuweisen sagte ihr ich würde wahrscheinlich eine oder zwei Wochen dableiben ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen und folgte selbst dorthin Auf der Treppe begegnete mir Bessie „Missis wacht “ sagte sie „ich habe ihr gesagt daß Sie da sind kommen Sie und lassen Sie uns sehen ob fie Sie kennen wird.“ Ich bedurfte der Führung nicht zu dem wohlbekannten Zimmer zu dem ich in früheren Tagen so oft gerufen worden um bestraft oder gescholten zu werden Ich eilte Bessie voran und öffnete leise die Thür Ein beschattetes Licht stand auf dem Tische denn es war jetzt dunkel Da war das große Bett mit den vier Pfosten und den ambrafarbigen Vorhängen wie in früheren Zeiten da war der Toilettentisch der Lehnsessel und der Fußschemel auf den ich wohl hundertmal hatte niederknieen und mir für Vergehungen Verzeihung erbitten müssen die ich nicht begangen Ich blickte in eine gewisse Ecke wo ich fast die einst so gefürchtete Ruthe zu erblicken fürchtete die dort lauerte um gleich einem Kobold hervorzuspringen und meine bebende Hand oder meinen zitternden Nacken zu verletzen Ich näherte mich dem Bette ich öffnete die Vorhänge und neigte mich über die hohen Kissen Wohl erinnerte ich mich des Gesichts der Mistreß Reed und war begierig das bekannte Bild zu sehen Es ist ein Glück daß die Zeit das Verlangen nach Rache dämpft und die Antriebe der Wuth und Abneigung besänftigt ich hatte diese Frau in bitterem Hasse verlassen und kehrte jetzt mit keiner andern Regung als der des Mitleids wegen ihres großen Leidens und dem mächtigen Verlangen zurück alle Kränkungen zu vergessen und zu verzeihen — mich mit ihr zu versöhnen und ihr freundschaftlich die Hand zu drücken Das wohlbekannte Gesicht war da streng und unversöhnlich wie immer — da war das eigenthümliche Auge welches Nichts zu mildern vermochte und die etwas erhobene gebieterische und despotische Augenbraue Wie oft hatte sie sich mit Drohungen und Haß