sehe wie sie ihr Haupt zu ihm neigt bis die dunklen Locken fast seine Schulter berühren und an seiner Wange hinstreifen ich höre ihr wechselseitiges Geflüster ich erinnere mich ihrer ausgetauschten Blicke und es kehrt mir in diesem Augenblick sogar etwas von dem Gefühl zurück welches das Schauspiel in mir erweckte Leser ich habe Dir gestanden daß ich Herrn Rochester zu lieben gelernt ich konnte es jetzt nicht verlernen nur weil ich gefunden daß er aufgehört mich zu beachten weil ich Stunden in seiner Gegenwart zubringen konnte ohne daß er seine Augen auf mich richtete — weil ich all seine Aufmerksamkeit von einer großen Dame in Anspruch genommen sah die sich scheute mich im Vorübergehen mit dem Saum ihres Gewandes zu berühren die wenn je ihr dunkles und gebieterisches Auge zufällig auf mich fiel es augenblicklich zurückzog wie von einem Gegenstande zu niedrig um Beachtung zu verdienen Ich konnte nicht aufhören ihn zu lieben weil ich mich überzeugt hielt daß er bald eben diese Dame heirathen werde — weil ich täglich in ihrer stolzen Sicherheit hinsichtlich seiner Absichten gegen sie eine Bewerbung an ihm beobachtete die obgleich nach lässig und sorglos doch eben in ihrem Stolze sich mehr aufsuchen zu lassen als aufzusuchen einnehmend und unwiderstehlich war Es lag Nichts in diesen Umständen was geeignet war die Liebe abzukühlen oder zu verbannen wenn gleich viel um Verzweiflung zu erregen Auch viel um Eifersucht zu erzeugen wirst Du denken lieber Leser wenn ein Frauenzimmer in meiner Lage sich herausnehmen konnte auf eine Dame wie Miß Ingram eifersüchtig zu sein Aber ich war nicht eifersüchtig oder es geschah wenigstens selten und der Schmerz den ich litt war nicht durch dieses Wort zu erklären Miß Ingram stand ein wenig unter der Eifersucht sie war zu niedrig um dieses Gefühl zu erregen Ich bitte diesen anscheinenden Widerspruch zu verzeihen ich meine was ich sage Sie war sehr prunkend aber nicht ächt sie hatte eine schöne Gestalt und manche glänzende Fertigkeiten aber ihr Geist war von Natur arm und ihr Herz unfruchtbar Nichts blühte freiwillig auf diesem Boden keine unerzwungene natürliche Frucht ergötzte durch ihre Frische Sie war nicht gut sie war nicht originell sie pflegte hochtönende Phrasen aus Büchern zu wiederholen sie hatte nie eine eigene Ansicht Sie wendete einen hohen Ton des Gefühls an doch kannte sie die Empfindungen der Sympathie und des Mitleids nicht Zärtlichkeit und Wahrheit lagen nicht in ihr Nur zu oft verrieth sie dies durch den ärgerlichen Widerwillen den sie gegen die kleine Adele gefaßt hatte Zuweilen stieß sie sie mit einer verächtlichen Benennung von sich wenn sie zufällig in ihre Nähe kam zuweilen befahl sie ihr das Zimmer zu verlassen und behandelte sie stets mit Kälte und Härte Noch andere Augen als die meinigen beobachteten diese kleinen Charakterzüge scharf und genau Ja der künftige Bräutigam Herr Rochester selbst übte eine unaufhörliche Wachsamkeit über sie aus und aus diesem Scharfblicke aus dieser Beobachtung diesem vollkommenen und klaren Bewußtsein von den Fehlern seiner Schönen aus dieser auffallenden Abwesenheit der Leidenschaft