Kinde annehmen und an mir Vaterstelle vertreten wollte ja der vielleicht geneigt gewesen wäre sein ganzes Vermögen auf mich übergehen zu lassen und dieses Glück diese Freuden wurden durch Mistreß Reed auf immer für mich zerstört Ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust und ich fühlte ehe ich’s noch hindern konnte dass die Thränen bereits meine Wangen benetzten Ich hatte mich in keiner Beziehung zu beklagen und konnte mit meinem Schicksale vollkommen zufrieden sein denn Herr Rochester behandelte mich nicht wie eine Fremde sondern wie sein eigenes Kind und wenn ich aus seinen oftmaligen Bemerkungen über die ungewisse Zukunft so vieler Menschen die richtige Auffassung erlangt haben sollte so war mein Gebieter selbst geneigt für meine späteren Tage auf eine ausreichende Weise zu sorgen Allein welche Kluft liegt zwischen dem Gefühle der Selbstständigkeit und der Unabhängigkeit und jenem der Botmäßigkeit und eines gewissen Unterthänigkeitsverhältnisses Durch einen glücklichen Zufall in die angenehme Lage versetzt meinen eigenen Herd zu gründen und nach Kräften Gutes zu stiften sah ich mich durch die nnversöhnliche Rachsucht eines Weibes in den Staub zurückgeschleudert und mit den ehernen Fesseln der Unmöglichkeit an ein Schicksal gekettet dessen Genossen Noth und Entbehrung Hilflosigkeit Armut und der Bettelstab sind Ich sah mich eben durch die Dazwischenkunft jenes unglücklichen Wesens der ausreichenden Mittel beraubt um den Gefühlen meines Herzens nach Wunsch folgen zu können die Armen und Nothleidenden aufzusuchen um sie zu unterstützen die Betrübten zu trösten und deren Kummer zu erleichtern — kurz — ich hätte mich über den Stand eines gewöhnlichen und alltäglichen Menschen erheben können und wurde durch die Leidenschaften und Ränkesucht meiner nächsten Verwandten in den Koth gezogen und mit dem Zeichen der Armut gebrandmarkt Herr Rochester hatte eben den letzten Rest seiner Zigarre verschmaucht als ich in tiefes Nachdenken versunken und mit thränenfeuchten Blicken zum Fenster des Wagens hinaussah und die Leute bewunderte welche im Schweiße ihres Angesichtes durch ihrer Hände Arbeit mühsam das nackte Leben zu fristen bemüht waren welcher Anblick mein Herz abermals mit Traurigkeit erfüllte »Was hat sie plötzlich so sehr verstimmt Jane « fragte Herr Rochester mit besonderer Freundlichkeit »Der wirre Knoten meines Lebens den ich zu lösen vergebens bemüht bin « war meine Antwort »Sie scheinen bewegt und angegriffen zu sein und darum ersuche ich um genaueren Aufschluss da ich aus Ihrer mysteriösen Antwort nicht recht klug werden kann Ich wünschte überhaupt mit der Geschichte Jhres Lebens näher vertraut zu werden um Jhnen mit Rath und That an die Hand gehen zu können Sie sind mir auch noch die Erklärung schuldig weshalb Sie Mistreß Reed noch kurz vor ihrem Ende so dringend zu sprechen wünschte da sie doch so rücksichtslos gegen eine ihrer nächsten Verwandten gehandelt hatte.« Herr Rochester hatte mir durch diese Aufforderung gleichsam den Weg gebahnt um ihn mit den harten Schlägen des Schicksals die mich seit den ersten Tagen meiner Kindheit getroffen hatten vollkommen vertraut zu machen weshalb ich demselben die Geschichte meines Lebens von meinen Jugendjahren angefangen bis zu dem Tode meiner Tante wortgetreu erzählte Als ich