Schlaf mich schon ziemlich gequält hatte Die aufgeheude Sonne fand mich schon wach und völlig angekleidet während auf dem Schlosse noch Alles im tiefen Schlaf versunken war Ich öffnete die Fenster und fand dass die Luft ungemein mild und stärkend sei weshalb ich beschloss einen Spaziergang nach der großen Lindenallee im Park zu unternehmen Die frische Morgenluft hatte meine Nerven etwas angegriffen Ich fühlte eine große Müdigkeit und Abgeschlagenheit in allen Gliedern meines Körpers darum wendete ich mich bei dem neuerrichteten Salon links trat in die große Laube welche von Efeu und wilden Weinreben ganz umrankt war und ließ mich auf einem der hier angebrachten Sitze nieder Mir war nicht ganz wohl das fühlte ich und dennoch wollte mir der Zustand meiner Unbehaglichkeit nicht klar werden Ich beugte mich gegen den Tisch vor stützte den Kopf in die rechte Hand und fing an über mich und über mein ganzes Leben ernstlich nachzudenken Dass jene Gedanken und Empfindungen die durch mancherlei Erinnerungen in mir wachgerufen worden waren zur Herstellung eines besseren Zustandes nicht geeignet waren kann ich meine freundlichen Leser und Leserinnen aufs Wort versichern Plötzlich vernahm ich einige Fußtritte und alsbald ein ziemlich starkes Geräusch im Gebüsche Ich erhob mich von meinem Sitze um nach der Ursache jener unliebsamen Störung zu sehen und traf in dem Augenblicke als ich in die Lindenallee trat mit Mistreß Fairfax zusammen »Ich habe Sie schon im ganzen Schlosse gesucht und konnte Sie nirgend finden « sagte Mistreß Fairfax nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten »Ein Mann aus Gateshead ist hier der Sie dringend zu sprechen hat.« Diese Nachricht hatte mich nicht nur überrascht sondern auch merklich erschüttert Was konnte wol die Veranlassung sein einen Boten von Gateshead abzusenden um mich aufsuchen zu lassen Ich bat Mistreß Fairfax mich nach dem Schlosse zu begleiten um den Boten daselbst aufzusuchen In den Räumen des untern Stockwerkes kam ein Mann auf mich zugeschritten der mich freundlich grüßte und fragte ob er die Ehre habe Miß Reed zu sprechen Ich erklärte dass ich so heiße und erkundigte mich woher er komme und wer ihn hieher geschickt habe »Ach Miß Jane Sie kennen mich entweder wirklich nicht mehr oder Sie wollen mich nicht mehr kennen Ich bin John der Kutscher von Mistreß Reed.« »Ich hätte Euch wahrlich nicht mehr erkannt mein lieber John « erwiderte ich hierauf »Doch sagt was Euch hieher nach Thornfield führt « »Die Sehnsucht einer Sterbenden die Sie vor ihrem Ende noch einmal zu sehen und zu sprechen wünscht « sagte John mit beklommener Stimme »Mistreß Reed ist auf den Tod krank und lässt Sie bitten eiligst nach Gateshead zu kommen indem sie ein großes Anliegen auf dem Herzen habe Ist es möglich ihrer Bitte Folge zu leisten so habe ich den Auftrag Sie auf der Reise zu begleiten Ich wusste gar nicht wie mir geschah doch fasste ich den Entschluss meiner Tante die an mir so großes Unrecht begangen hatte den letzten Trost nicht zu versagen wenn anders Herr Rochester zu bewegen wäre mir