ohne das Grab meiner lieben Helene zu besuchen Zu diesem Zwecke hatte ich im Garten Blumen gesammelt und daraus einen Kranz gewunden mit dem ich das Grab der Theuren schmücken wollte Mein Schmerz war unnennbar und mein Gemüt tief erschüttert Ich heftete den Kranz auf das kleine Kreuz von Eichenholz kniete sodann auf dem Grabe der geliebten Freundin nieder betete für das Heil ihrer Seele und gelobte ihrer nie zu vergessen sondern sie täglich in mein Gebet einzuschließen Meine Thränen flossen reichlich waren sie doch dem Andenken meiner besten ja meiner einzigen Freundin gewidmet »Helenei« rief ich in meinem Schmerze aus »warum mußtest Du mich verlassen nachdem sich unsere Herzen kaum gefunden hatten — Beide haben wir Lowood das glückliche Asyl unserer Jugend verlassen doch wie verschieden sind die Wege die wir wandeln « Da berührte eine Hand meine Schulter Erschrocken fuhr ich in die Höhe um nach der Ursache jener unliebsamen Störung zu forschen Es war der Todtengräber der mir andeutete dass bereits die Sperrstunde vorüber sei und der Kirchhof geschlossen werden müfe darum möge ich ein anderes Mal wieder kommen »Herr « rief ich im Übermaße meines Schmerzes indem ich die knöcherige Hand des alten Mannes ergriff »ich werde vielleicht nie wieder nach Lowood kommen darum versprecht mir dieses Grab stets mit frischen Blumen zu versorgen.« Bei diesen Worten öffnete ich meine Börse und reichte dem Greise eine Pfundnote Dann wendete ich mich noch einmal zu dem Grabe welches die sterblichen Überreste meiner Freundin barg und rief unter Weinen und Schluchzen »Lebe wohl geliebter Engel und bereite mir eine Wohnung bei Dir damit wir auf ewig vereiniget bleiben « Am 16 Oktober verließ ich begleitet von einer Magd des Hauses die mir meinen Reisesack trug die Anstalt um mich nach Lowton auf die Post zu begeben Ich saß in einer Ecke des Wartsaales und wollte eben meinen Mantel ablegen weil mir sehr heiß war als der Portier das Zeichen zur Abfahrt gab Schnell raffte ich meine Sachen zusammen und eilte zum Wagen hinaus der sich auf das Zeichen des Kondukteurs auch schon binnen einigen Minuten in Bewegung setzte Es war ein unfreundlicher Oktobertag Ein heftiger Nordwestwind heulte in den halbbelaubten Wipfeln der Bäume und wollte selbst die ganze Nacht hindurch seiner Wuth nicht den geringsten Zwang anthun Ich hüllte mich in meinen Mantel und verbarg die Hände in meinen Muff von kannadischem Luchs und drückte mich in die Ecke des Wagens um zu schlafen Es wollte aber anfangs nicht recht gehen da meine Füße vor Kälte ganz starr waren Endlich drückten mir Müdigkeit und Schlaf dennoch die Augen zu bis ein fürchterlicher Stoß mich weckte Es war drei Uhr nach Mitternacht Der Wind trieb fast noch stärker als am Abende unserer Abfahrt von Lowton der Himmel hatte seine Schleußen geöffnet und die ganze Gegend auf viele Meilen im Umkreise mit einem kalten Regen bedacht Die schiefe Lage des Wagens hatte uns bereits aufgeklärt welcher Unfall der ganzen Gesellschaft begegnet sei als der Kondukteur den Schlag öffnete und uns