die Welt noch ihre Freuden konnten mich verleiten meinen gegenwärtigen ruhigen Aufenthalt zu verlassen und die Einsamkeit mit einem geränschvollen Leben und der Genusssucht zu vertauschen Ich war ja zu Lowood glücklich und dankte meinem Schöpfer täglich im Gebete dass er mich dieses freundliche Asyl hatte finden lassen Was war also die Ursache dass ich mich nach einer Veränderung sehnte dass ich Lowood mit all seinen Erinnerungen schon im Rücken haben wollte — Jane rief mir eine geheimnisvolle Stimme zu sei auf deiner Hut damit du nicht auf Abwege geräthst und deinem Verderben entgegeneilst Hier unter diesem Dache bist du von der Sünde und jeder Gelegenheit dazu geschützt während in geräuschvollen Städten mehrfache Gelegenheiten sich darbieten um dich in den Pfuhl des Verderbens zu stürzen Diese und ähnliche Gedanken belästigten mich die längste Zeit und ich wusste nicht wie mir geschah Da beschloss ich mein Nachtlager zu suchen und die ganze Angelegenheit morgen in reifliche Erwägung zu ziehen Es bedurfte wol längere Zeit bis mich der Schlaf in seine Arme schloss doch war ich sehr früh wach und schnell angekleidet Ich nahm den Brief wieder zur Hand um mir dessen Inhalt wohl ins Gedächtnis zu rufen und fand was ich gestern Abends ganz übersehen hatte dass Mistreß Fairfax zu Thornfield geneigte Anträge entgegenzunehmen habe Ein schwerer Kampf entspann sich jetzt in meinem Innern und ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust Da beschloss ich Lowood zu verlassen und Gouvernante zu werden Drittes Kapitel Jane als Gouvernante Noch an demselben Abende schrieb ich an Miß Temple in Rochester und ein zweites Schreiben ließ ich an Mistreß Fairfax ergehen dem ich zugleich meine Zeugnisse beilegte und erklärte dass ich gesonnen wäre diese Stelle anzunehmen Bevor ich noch eine Ahnung hatte war auch schon die Antwort zurück Ich war als Gouvernante in Thornfield aufgenommen und mußte binnen vierzehn Tagen meinen neuen Posten antreten da Mistreß Fairfax in ihrem freundlichen Schreiben fünf Pfund Sterlinge als Reisegeld beigeschlossen hatte Mit dem Schreiben in der Hand begab ich mich zu Miß Stachert der ich meinen Austritt anzeigte und ließ noch an demselben Tage durch sie dem Direktor meine Aufkündung übermitteln Was ich voraussah das traf auch so ein Der freundliche Abbe wollte anfangs in meinen Entschluss nicht einwilligen und machte mir die eindringlichsten Vorstellungen gab aber später nach da bei meinem unbeugsamen Willen auf eine Sinnesänderung nicht zu rechnen war Wiewol meine Garderobe nicht groß war so hatte ich dennoch die ganze Zeit damit zu thun um meine Wäsche und meine Kleider zu ordnen und meine beiden Koffer zu packen die ich am Vorabende meiner Abreise auf die Post nach Lowton schickte und zugleich einen Platz im Eilwagen für mich bestellen ließ Der Abschied zu Lowood war kurz und erfolgte schon am Vorabende meiner Abreise damit am kommenden Tage im Unterrichte keine Störung eintrete Die ganze Szene hatte auf mich keinen besondern Eindruck gemacht doch ein Gang stand mir noch bevor eine Abschiedsvisite die mein Herz mit dem tiefsten Schmerz erfüllte Ich konnte Lowood unmöglich verlassen