Leiterin erleide Alles weinte kein Auge war trocken geblieben als Miß Temple am Vorabende eine Abschiedsrede hielt und Miß Stachert als ihre Nachfolgerin bezeichnete Seit Miß Temple Lowood verlassen hatte war mir der Aufenthalt in der Anstalt widerlich geworden und ich sah dem Augenblicke mit Sehnsucht entgegen wo ich dieselbe verlassen würde Miß Stachert und Miß Temple waren von entgegengesetztem Karakter Während diese durch ihre liebevolle Theilnahme alle Zöglinge für sich gewonnen hatte waren jener die Herzen der meisten Zöglinge entfremdet weil ihr Benehmen schroff launenhaft und unkonsequent war Auch war Miß Stachert herrisch und anmaßend während Miß Temple dem ganzen Hause eine Freundin und Rathgeberin war und bei keiner Gelegenheit die Herrin und Gebieterin vorwalten ließ Unter solchen Umständen hatte ich wol Ursache mit meiner gegenwärtigen Lage unzufrieden zu sein und eine Änderung derselben zu wünschen auch stieg in meinem Herzen der Zweifel auf ob wol die Empfehlung von Miß Temple hinreichend sein werde mir die Stelle einer Gouvernante in einem anständigen Hause zu verschaffen Dieser Zweifel wurde durch ein Schreiben aus Rochester noch an demselben Tage gehoben Miß Temple zeigte mir darin an » dass der Gutsbesitzer zu Thornfield in der Grafschaft Millkote für seine einzige Tochter ein Mädchen von ungefähr sechs Jahren eine Erzieherin suche welche nicht nur die nöthige Bildung besitzen sondern auch bereits in dieser Eigenschaft gedient haben und mit empfehlenden Zeugnissen versehen sein müße Zugleich werde nebst einer freundlichen Behandlung ein Jahresgehalt von 50 Pfund Sterling zugesichert Lange Zeit hielt ich den Brief in der Hand und sah starr vor mich auf den Boden hin ohne einen Entschluss fassen zu können was ich auf das freundliche Schreiben antworten soll Da befreite mich der Ton der Glocke aus der schwebenden Ungewissheit denn es war die Stunde zum Abendessen herangekommen und da durfte keine der Lehrerinnen fehlen wenn sie nicht triftige Gründe für ein solches Versäumnis entschuldigten Ich schlug also das Blatt in Eile zusammen und verbarg dasselbe in meinem Oberkleide bis ich Zeit finden würde dasselbe nochmals durchzugehen und einen Beschluss zu fassen Als sich die Zöglinge zur Ruhe begeben hatten ging ich auf mein Zimmer da ich in dieser Woche vom Nachtdienste frei war Ich fand es in demselben sehr schwül und dunstig weshalb ich ans Fenster trat und dasselbe öffnete Da lag die ganze Landschaft von Lowood vor meinen Blicken ausgebreitet bedeckt von dem Schatten der Nacht da der Mond nur zeitweise den dunklen Wolkenschleier lichtete und die Gegend durch seinen Silberschein erhellen konnte Die beiden Flügel des Gebäudes erschienen mir wie die überragenden Wände eines schauerlichen Gefängnisses wozu der angränzende Wald die geeignete Säumung bot Mein Athem war nicht frei wie sonst ich fühlte Beklemmungen in der Brust und wusste nicht woher sie kämen ich wollte ins Freie und war durch die Pflicht und das Gesetz der Schicklichkeit auf mein Zimmer verwiesen ich wollte Lowood verlassen und konnte mir nicht im mindesten die Gewissheit verschaffen dass ich mir meine Lage wirklich verbessern dass ich glücklicher und zufriedener sein werde als hier Weder