einen Spaziergang so war ich stets unter denjenigen Zöglingen die sie begleiten durften Mit Mistreß Fox führte ich durch volle drei Jahre eine ununterbrochene Korrespondenz ohne das Glück zu haben sie in Lowood zu sehen Allmählig blieben auch die Briefe von London aus und so war ich ausschließend auf Miß Temple beschränkt Wie neue Lehrerin zu Lowood Meine Krankheit hatte eine gewisse Melancholie zurückgelassen von der ich mich trotz aller Anstrengung nicht frei machen konnte Miß Temple ließ mich deshalb nur selten allein und suchte durch allerlei Zerstreuungen diesen bösen Dämon zu verscheuchen was ihr auch nach und nach wirklich gelang Die acht Jahre welche ich im Waisenhause zu Lowood zubringen sollte verstrichen auf eine angenehme Weise allein es mußte auch auf meine Zukunft Bedacht genommen werden und deshalb nahm Miß Temple mit dem Direktor der Anstalt Rücksprache was nach Verlauf des letzten Jahres mit mir zu geschehen habe Der Abbe glaubte vorerst bei Mistreß Reed die während dieser Zeit die ganze Pension für mich bezahlt hatte anfragen zu müßen und dann erst könne in dieser Angelegenheit ein Beschluss gefasst werden Einige Monate vor Ablauf des Schuljahres wurde mir von Miß Temple mitgetheilt dass Mistress Reed in ihrem Schreiben an die Direkzion der Anstalt sich dahin ausgesprochen habe an meinem ferneren Schicksale keinen Antheil zu nehmen und sie verwahre sich gegen das Ansinnen für meinen ferneren Unterhalt Sorge zu tragen Anfangs hatte mich diese Nachricht nicht im geringsten überrascht da mir ja der Karakter und die Denkungsweise meiner Tante hinlänglich bekannt waren Und wäre ihr die Sorge für meinen Unterhalt bis zu meiner Großjährigkeit nicht höheren Ortes aufgetragen worden so hätte sie auch die Pension zu Lowood für mich nicht gezahlt Miß Temple’s Scharfblick war es aber nicht entgangen dass dieses Ereignis neuerdings auf mein Gemüt einen nachtheiligen Einfluss haben werde und sie suchte daher durch rasches Handeln einen Entschluss zur Reife zu bringen den ich auch in der Zukunft nie zu bereuen hatte Zu Lowood war nämlich die Stelle einer Unterlehrerin frei geworden Miß Temple wusste mich dafür zu gewinnen an der Anstalt als Lehrerin zu fungiren wo ich meine eigene Bildung erlangt hatte und seit jenem Tage war ich die Freundin und Vertraute meiner ehemaligen Erzieherin Anfangs erhob ich zwar manche Bedenken dagegen allein Miß Temple wusste jede Einwendung zu widerlegen und so kam es dass ich jenem Tage mit Sehnsucht entgegensah wo mir mein Anstellungsdekret eingehändigt werden sollte Meine Installazion war für die Anstalt ein großes Fest das für die Zöglinge nicht nur einen Ferialtag sondern auch einen besonders gewählten Mittagstisch im Gefolge hatte Als ich Abends auf mein Zimmer kam überließ ich mich ernsten Betrachtungen Für mich war mit dem heutigen Tage ein neues Leben aufgegangen denn ich erlangte mit meiner Anstellung auch eine gewisse Selbstständigkeit Ich fühlte nur zu deutlich dass ich bereits die Kinderschuhe ausgezogen hatte und auf die Leitung Anderer nicht mehr rechnen dürfe sondern vielmehr selbst so viel Kraft in mir fühlen müße die meiner Obhut anvertrauten Zöglinge so zu leiten und