den gefährlichen Zustand erkennen in dem wir uns befanden noch viel weniger das Unglück ahnen das über uns hereingebrochen war Eine starke Erkältung hatte uns beiden eine schwere Krankheit zugezogen Helene starb nach einem vierzehntägigen Krankenlager ich erlangte nach ungefähr drei Monaten meine vorige Gesundheit wieder Es war gegen Ende Mai wo ich schon täglich einige Stunden im Garten zubringen durfte als Miß Temple zu mir kam um sich einige Zeit mit mir zu unterhalten da mich meine Krankheit sowie der Verlust meiner einzigen Freundin ungemein tiefsinnig gemacht hatte Sie hielt einen offenen Brief in der Hand und erklärte mir dass dieses Schreiben meine Person betreffe »Mistreß Fox aus London hat mir geschrieben und sich nach Deinem Befinden erkundiget Kennst Du diese Dame « »Nein « sagte ich etwas nachdenkend »Kannst Du Dich auch nicht erinnern diesen Namen je gehört zu haben « fragte Miß Temple weiter »Der Name ist mir wol nicht ganz fremd« sagte ich hierauf »doch kann ich mich nicht erinnern wo ich denselben gehört habe.« »Es ist jene Dame welche auf der Reise von Gateshead nach Lowood mit Dir Bekanntschaft machte.« »Ja Ja « rief ich meine Hände nach dem Schreiben ausstreckend »das ist Mistreß Fox « Miß Temple reichte mir den vier Seiten langen Brief Aber schon auf der zweiten Seite mußte ich mit dem Lesen inne halten um mir die Thränen zu trocknen Dann sprach ich zu Miß Temple mich wendend »Ach die gute Frau Wo und wann werde ich sie wieder sehen.« »Wenn Du den Inhalt des Schreibens weiter verfolgst kannst Du Dir diese Frage selbst beantworten« erwiderte Miß Temple Sogleich fing ich dort weiter zu lesen an wo ich aufgehört hatte und fand dass mich Mistreß Fox auffordere ihr ehestens zu schreiben da sie setzt noch längere Zeit in London verweilen und erst gegen den Herbst eine Reise unternehmen werde Auch wurde mir die Aussicht gestellt Mistreß Fox um jene Zeit in Lowood zu sehen Diese Güte machte mich neuerdings traurig denn ich war noch nicht in der Lage zu schreiben da mir meine Krankheit ein Augenleiden zurückgelassen das zwar nicht gefährlich war aber dennoch erforderte mich jeder Anstrengung zu enthalten Miß Temple mag dies nicht entgangen sein darum nahm sie mich bei der Hand und sprach »Beruhige Dich mein Kind diesesmal werde ich für Dich schreiben.« Ich küsste die Hand die gegen mich so liebevoll war und benetzte sie mit meinen Thränen es waren Thränen der Dankbarkeit welche Miß Temple mit vollem Rechte verdient hatte Der Sommer begünstigte die volle Herstellung meiner Gesundheit so dass ich ungefähr sechs Wochen später wieder in meine Klasse eintreten und mich den Studien mit dem früheren Eifer hingeben konnte Miß Temple war seit dem Tode von Helene Burns gegen mich unendlich liebenswürdig Sie behandelte mich wie ihre Tochter und bevorzugte mich bei jeder Gelegenheit Dass solche mütterliche Liebe und Zärtlichkeit in meinem Herzen Gegenliebe erwecken mußte darf wol keinem Zweifel unterliegen In den freien Stunden war ich meistens auf ihrem Zimmer und unternahm sie zuweilen