hatte mich zu beruhigen und mich versicherte dass ich hierdurch in den Augen meiner Mitschülerinnen an Achtung nicht im geringsten verloren hätte so blieb dennoch ein gewisser Schmerz in meinem Innern zurück der am andern Tage wieder kehrte und mein Gemüt in gleicher Weise aufregte Der heutige Unterricht war für mich fast gänzlich verloren gegangen da ich in meinem Schmerze eine Zerstreutheit an den Tag legte die mich zeitweise selbst überraschte Miß Miller schien dies zu bemerken und ließ mir eine kleine Rüge zukommen war aber im Übrigen gegen mich sehr nachsichtig Da ertönte der Schall der bekannten Glocke Der Unterricht wurde geschlossen und in wenigen Augenblicken war der Saal leer da alle Zöglinge nach dem Garten strömten Heute war ich in den vordersten Reihen Ich sehnte mich zwar weniger nach dem Garten und der freien Luft weil mir die große Kälte lästig war und dennoch tribe mich’s vorwärts Es war die Sehnsucht nach einem theilnehmenden Herzen nach einer Freundin von gleichen Gefühlen und Empfindungen von gleicher Denkungsweise und Anschauung der Ereignisse im Kinderkreise und diese hatte ich bereits an Helenen gefunden Helene Burns war eine Waise aus Walis Sie hatte die Mutter schon in einem Alter von fünf Jahren verloren und kam anfangs in eine Bewahranstalt da ihr Vater reisender Handelsagentwar und wurde mit zehn Jahren nach Lowood gebracht Wiewol um zwei Jahre älter als ich waren wir dennoch von gleichen Gesinnungen beseelt und hatten wenige Wochen nach meiner Ankunft in Lowood Freundschaft geschlossen Zwischen mir und Helene Burns war aber eine Scheidewand gezogen denn ich war in der dritten und Burns schon in der fünften Klasse und somit waren wir den ganzen Tag von einander getrennt und konnten uns nur in den freien Stunden sehen und sprechen wiewol unser beiderseitiges Glück darin bestanden hätte ungetrennt bei einander verweilen zu dürfen Vielleicht war aber diese Trennung für uns beide von dem besten Erfolge auch genossen wir die wenigen Augenblicke unseres Zusammenlebens mit weit größerem Glücke als dies vielleicht sonst der Fall gewesen wäre Diese Trennung schmerzte mich zwar sehr oft aber sie hatte auch ihr Gutes Wie bemerkt war Helene um zwei Klassen vor mir Sie ermunterte mich unablässig zum Fleiße und zur angestrengten Thätigkeit und unterstützte mich in Allem und Jedem — Helene wurde in den freien Stunden meine Lehrerin Mein Schmerz und mein Kummer waren der guten Seele nicht entgangen Sie war schon vor mir in den Garten gekommen und hatte mich bereits gesucht Kaum wurde sie meiner ansichtig so ergriff sie mich bei der Hand und zog mich mit sich fort Sie führte mich nach einer sonnigen Stelle rückwärts im Garten wo sie bereits zwei Mauersteine für unsere Sitze zurecht gerichtet hatte Wir ließen uns hier inftinktmäßig nieder und nun zog Helene ein Blatt Papier und einen Stift aus dem Mantel hervor und wir fingen zu rechnen an Wo ein guter Wille ist geht auch Alles gut vonstatten und ehe noch die Glocke zum Mittagsessen rief war ich Herrin jener mir so schrecklich langweiligen Rechnungen Ich