Mädchen Namens Helene das sich ebenfalls sonnte Von ihr wurde ich während unserer Erholung im Freien über die Verhältnisse des Hauses aufgeklärt und mit den Eigenschaften der Lehrerinnen bekannt gemacht Eine solche Mittheilung konnte mir nur sehr willkommen sein um mich vor etwaigen Unannehmlichkeiten oder Strafen zu verwahren denn Miß Statcherd eine der Oberlehrerinnen war nicht nur sehr streng sondern wie mir schien auch launisch Neben mir saß ein kleines Mädchen Namens Karoline das wol etwas beweglich aber sonst recht gutmüthig war Aus Versehen hatte die Kleine eine halbe Seite in ihrem Schreibhefte unbeschrieben gelassen und doch schon um ein frisches Heft gebeten Da gab’s bei Miß Statcherd nicht nur einen derben Verweis sondern der armen Karoline wurde das Heft mittels einer Stecknadel auf dem Rücken befestiget und so mußte sie bis zum Schluss der Schulstunden in der Mitte des Saales an dem bestimmten Straforte stehen Wäre mir das geschehen ich wäre vor Scham in den Boden gesunken und hätte mich schrecklich darüber gekränkt Aber die Kleine hatte sich die Strafe eben nicht sehr zu Gemüthe genommen was ich gar nicht begreifen konnte Es sollte aber die Reihe auch bald an mich kommen Ungefähr vier Wochen nach meiner Aufnahme im Waisenhause zu Lowood saß ich während der Repetizionsstunde am großen Tische und arbeitete an einer langen Division denn diese sollte der Beweis von der Richtigkeit der Multiplikazion sein die ich bereits ausgearbeitet hatte Ich war dreimal mit der Tafel bei Miß Statchert aber jedesmal zog sie mit dem Griffel einen Strich durch die ganze Rechnung und sagte »gefehlt « Unverdrossen ging ich wieder zum Tische um meine Arbeit vom Neuen zu beginnen doch wollte mir die richtige Lösung der Aufgabe nicht gelingen da ich noch zu ungeübt im Rechnen war um eine Division wo der Divisor aus fünf Stellen bestand allein fehlerfrei auszuarbeiten Ich saß mit betrübtem Gesichte am Tische und alsbald rollten die Thränen über meine Wangen Das angestrengte Rechnen hatte meinen Körper wie meinen Geist ermüdet mir kam der Schlaf als der Thränenquell versiegt war und in demselben Augenblicke lag ich sammt der Schiefertafel unter dem Tische Hätte mich der Sturz von der Bank nicht aus dem Schlafe aufgerüttelt so würde dies sicher durch das allgemeine Gelächter geschehen sein welches den ganzen Saal erfüllte und gar nicht enden wollte Mir war von diesem Sturze zwar kein Merkmahl geblieben aber um desto härter war meine Schiefertafel davongekommen denn diese lag in mehrere Stücke zertrümmert am Boden Mir stand eine große Strafe bevor das wusste ich auch würde ich derselben nicht entgangen sein wenn mich mein Schutzgeist Miß Temple nicht gerettet hätte Schon waren einige Donnerworte aus dem Munde Miß Statchert gegen mich geschleudert worden als Miß Temple ins Zimmer trat Die allgemeine Aufregung war ihrem Scharfblicke nicht entgangen und so wurde die bereits über mich verhängte Strafe wieder zurückgenommen Das Krankenzimmer Ich war zwar der Schande einer öffentlichen Strafe entgangen mein Gemüt war aber dadurch noch nicht beruhiget sondern ungemein aufgeregt Wiewol mir Miß Temple im freundlichsten Tone zugesprochen