gehörig durchstreichen konnte Ich zitterte dermassen vor Kälte dass mir die Zähne klapperten weil ich zu Gateshead immer ein warmes Stübchen hatte Und nun sollte ich mich in dieser Kälte auch noch waschen und zwar mit kaltem Wasser während mir im Hause der Mistreß Reed immer laues Wasser gereicht werden mußte Dieser Gedanke war mir schrecklich — ja ich muß sagen fast unerträglich und ich empfand heute zum ersten Male dass mir hier so Manches fehle an dem ich zu Gateshead niemals Mangel leiden durfte Zu meiner größten Freude war das Wasser in der Kanne so fest gefroren dass meine Finger die Eisdecke nicht zu durchdringen vermochten und somit ließ ich das Waschen bleiben Kaum hatte ich meine Sachen in Ordnung gebracht so ertönte die Glocke zum wiederholten Male Die Mädchen paarten sich und verließen den Saal ich mit Miß Miller hintendrein Nun ging es über eine Treppe nach dem untern Stocke wo sich ein großes Schulzimmer befand und hier wurde unter der Aufsicht von Miß Miller und zwei Oberlehrerinnen das Morgengebet verrichtet Nachdem die vorgeschriebenen Gebete und Andachtsübungen zu Ende waren wurden wir ins Refektorium geführt wo uns dampfende Schalen entgegen lachten Die meisten Mädchen rümpften die Nase denn das Frühstück bestand aus eingebrannter Suppe mit sparsam gestreuten Semmelschnitten Der Geruch war eben nicht empfehlend die Mädchen sagten die Suppe sei brandig — ein Ausdruck der mir ganz fremd war Mich trieb theils die Neugierde theils der Hunger an den Tisch um diese mir bisher fremdartige Suppe zu kosten Der Geschmack war keineswegs einladend doch nahm ich einige Löffel von diesem magern Frühstücke zu mir um mich ein wenig zu erwärmen Da die Theilnahmslosigkeit an dem Frühstücke eine allgemeine war so gab Miß Miller alsbald das Zeichen zum Aufbruch Zwei der größeren Mädchen machten das erste Paar und nun gings nach dem Schulzimmer wo es recht angenehm warm war Hier war es ziemlich lebhaft denn nach dem Frühstücke war stets eine halbe Stunde frei und dann folgte der ununterbrochene Unterricht bis zwölf Uhr Mir war schon gestern angezeigt worden dass ich heute meine erste Lekzion haben werde welche gleichsam die Stelle der Aufnahmsprüfung vertreten sollte Da traten drei fremde Damen in den Saal jede ging auf einen Tisch zu und ließ sich daselbst nieder Es waren die drei Oberlehrerinnen der Anstalt wie ich später erfuhr Vergebens suchte mein Blick jene freundliche Dame die gestern Abends so liebevoll mit mir war konnte sie aber im ganzen Zimmer nicht entdecken Da fragte ich ein neben mir stehendes Mädchen »Welche von den Damen ist Miß Temple » »Sie ist noch nicht zugegen« erwiderte mir die Kleine wird aber bald erscheinen« Da ertönte abermals die Glocke Die Mädchen gruppirten sich auf den Bänken die zu beiden Seiten der langen Tische aufgestellt waren Der Lärm hatte aufgehört und es war mir als ob die ganze Versammlung noch auf jemanden zu warten schien Es war auch in der That nicht anders Eine von den größeren Schülerinnen sie mochte vielleicht schon siebzehn bis achtzehn Jahre zählen