weiter und das Schloss zu Gateshead war meinen Blicken für immer entschwunden Im Eilwagen herrschte eine undurchdringliche Finsternis da der Mond sein Silberhorn hinter einem dichten Wolkenschleier zu verbergen suchte Ich konnte also gar nicht unterscheiden wer meine Reisegesellschaft sei und konnte ungestört so lange weinen bis endlich der Morgen zu dämmern begann Der helle und volle Ton des Posthorns weckte eine mir gegenübersitzende Dame aus dem Schlafe Sie warf den grünen Schleier zurück um sich zu überzeugen ob wir schon an der Stazion seien was den Reisenden durch die ziemlich unerquicklichen Töne des Posthorns angezeigt wurde »Guten Tag meine liebe holde Kleine« sagte die Dame mit besonderer Freundlichkeit und Herablassung zu mir und streichelte dabei meine Wangen — eine Liebkosung die mir während meines vierjährigen Aufenthaltes zu Gateshead nie zu Theil geworden war Mir schoss vor Verlegenheit das Blut ins Gesicht das sagte mir die Gluthitze welche meine Wangen überzogen hatte Während ich in meiner Scham und mit zu Boden gesenkten Blicken da sass hatte die Dame mit einem prüfenden Blick die Gesellschaft gemustert Ihr Auge muß außer mir keinen fremden Passagier entdeckt haben darum fragte sie mich mit sichtlicher Verwunderung »Reisen Sie allein « Ich nickte mit dem Köpfchen und ließ den Zeugen meines Kummers und meines Schmerzens freien Lauf »Wohin wollen Sie « fragte die Dame mit besonderer Theilnahme »Nach Lowood ins Waisenhaus « war meine Antwort In demselben Augenblicke hatte der Postillon die Pferde angehalten der Kondukteur war von seinem Sitz herabgesprungen während ein kleiner dicker Mann auf den Wagen zukam und der ganzen Gesellschaft den Morgengruß seines Herrn überbrachte Es war das Hotel Viktoria mit dem gleichzeitig die Postexpedizion in Verbindung gebracht worden war Der Kondukteur öffnete den Schlag und hob mich aus dem Wagen mir folgte die fremde Dame und dieser die übrigen Reisegefährten Es war ein äußerst unfreundlicher Morgen Der Wind pfiff mit einer Schärfe von Nordosten her dass mich das Gesicht wie Feuer brannte weshalb ein warmes Zimmer der ganzen Gesellschaft willkommen sein mußte Indessen hatte mich der Kondukteur von der Gesellschaft getrennt und in die Gemeindestube geführt theils um mich zu erwärmen theils um für uns beide das Frühstück zu besorgen Ich hatte wenig Esslust und nippte nur ein wenig von der Tasse Thee die mir vorgesetzt worden war »Trinken Sie Miß« sagte der Kondukteur »der wird Ihnen den Magen erwärmen.« Ich bedeutete meinem Beschützer dass ich kein ferneres Verlangen weder nach dem Thee noch nach dem Rum habe worauf er sich die ganze Porzion sammt den beigegebenen Brödchen beilegte und eiligst die Stube verließ aber noch in derselben Minute wieder zurückkam und mich aufforderte ihm zu folgen Innerhalb dieser Zeit hatte der Postillon das Zeichen gegeben die ganze Gesellschaft traf wieder am Wagen zusammen und Jedes von uns nahm seinen vorigen Platz ein worüber ich sehr erfreut war da ich mich in der Gesellschaft dieser Dame unendlich heimisch fühlte Das Frühstück welches meine Reisegesellschaft im Passagiersaale eingenommen hatte mußte von dem meinen wesentlich verschieden gewesen sein denn die Dame war