blieb »Was hast Du hinter dem Vorhange gethan « fragte jetzt John »Was ich hinter dem Vorhange that kannst Du leicht errathen Ich las « war meine Antwort »In welchem Buche hast Du gelesen « lautete die zweite Frage die John an mich richtete »Es liegt dort am Fenster« war meine Antwort »Bringe es her ich will es sehen « rief der die Rolle des Gebieters mit großer Meisterhaftigkeit spielende Junge John hatte diese Worte mit solcher Bedeutung und in einem so herrischen Tone an mich gerichtet dass ich es nicht wagte dem Quälgeist der Menschen und Thiere meinen absoluten Widerwillen entgegenzustellen Ich ging also ganz gelassen an das Fenster und holte das Buch Bewick’s Naturgeschichte war wol des Knaben Eigenthum das könnte ich nicht in Abrede stellen allein so lange der Onkel lebte waren sämmtliche in diesem Schranke aufbewahrten Bücher ein Gemeingut aller Kinder wovon ich nach John Reed’s ausdrücklichen Worten nicht ausgeschlossen war und somit an diesem geistigen Vergnügen theilnehmen durfte so oft es meine freie Zeit erlaubte Und da mir seit dem Tode des Onkels der Bücherschrank selbst von Mistreß Reed nicht verboten worden war so konnte ich hierin wol kein Vergehen ersehen denn ich würde mich vor mir selbst geschämt haben dem ausdrücklichen Befehle meiner Wohlthäterin zuwider zu handeln Da aber Alles was ich that in den Augen dieser Menschen unrecht war so durfte es mich auch nicht so sehr überraschen dass der herrische Junker hierin ein Verbrechen erblickte das ihm eine neue Gelegenheit bot mich dafür ganz nach Gutdünken zu züchtigen »Du brauchst unsere Bücher nicht zu nehmen und zu verderben« sagte jetzt John »Du bist ein Bettelkind das uns ganz gegen unseren Willen aufgedrungen wurde dazu lebst Du von dem was wir Dir aus Gnade und besonderem Mitleide reichen wie die Mama erst vor Kurzem ausdrücklich bemerkt hatte Dein Vater ist arm gestorben und hat Dir nichts hinterlassen sonst hätte Deine Mutter nicht am Hungertuche nagen müssen Übrigens wärest Du gut genug Dir Dein Brot vor den Thüren anderer Leute zu sammeln anstatt wie ehrlicher Leute Kinder gehalten zu sein Du kostest Mama jährlich viel Geld das uns entzogen wird Wir wollen uns nun nimmer länger von Dir beeinträchtigen lassen sondern Dich ehestens vor die Thür hinausstoßen und davonjagen Nun will ich Dich gleich lehren ganz ohne mein Wissen und meine Erlaubnis in meinen Bücherschrank zu gehen und Dir ein Buch herauszunehmen Der Bücherschrank ist mein Eigenthum Alle Bücher gehören mir und sonst niemanden im Hause das ganze Haus gehört mir oder wird doch einst in mir den Herrn und Gebieter ersehen Was mein Vater war bin auch ich ich bin Gutsbesitzer Packe Dich jetzt von hier Doch nein Du sollst bleiben Dort stelle Dich hin an die Wand neben der Thür und dem Fenster doch etwas vom Spiegel entfernt « Stumm und in Thränen gebadet stand ich hier mir kaum meiner Sinne bewusst Arm war ich das wusste und fühlte ich nur zu deutlich Ich hatte mich meiner Armut nicht zu schämen denn