Erstes Kapitel Jane wird Waise Es dürfte nach London kaum mehr eine zweite Stadt in England geben die geeignet wäre auf den Fremden einen größeren und bleibenderen Eindruck zu machen als Manchester welches die größten Baumwollspinnereien der Welt besitzt und unter den Fabriksstädten des Kontinents den ersten Rang einnimmt Der Eintritt in eine solche Baumwollspinnerei oder Mühle wie die englischen Fabriksherren ihre Spinnereien zu nennen pflegen ist höchst überraschend denn dort wo mehrere hundert Menschenhände beschäftiget sein sollen um die nothwendigen Arbeiten zu verrichten findet man kaum den zehnten Theil der erforderlichen Arbeitskräfte da alle wie immer gearteten Verrichtungen durch Maschinen der bewunderungswürdigsten Einrichtung besorgt werden Die einzige Arbeit welche von Menschenhänden verrichtet werden muß ist das Anknüpfen der gerissenen Fäden denn alles Übrige besorgt die Maschine selbst ja sogar die Dampfmaschine durch deren Kraft die übrigen Maschinen in dauernder Bewegung erhalten werden wird durch eine eigens zu diesem Zwecke angebrachte Vorrichtung mit den erforderlichen Steinkohlen versehen um ohne Hinzuthun von Menschenhänden eine ununterbrochene Heizung zu unterhalten Es war gegen die Mitte des Monats November wo die kurzen Tage und die langen Nächte in einer englischen Fabriksstadt mehr als anders irgendwo zu einander im größten Widerspruche stehen als ein ungemein dichter Nebel sich kurz nach Sonnenaufgang über die Stadt Manchester gelagert hatte der gegen Mittag an Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit so sehr zunahm dass man in allen Stockwerken der ausgedehnten Fabriksgebäude seine Zuflucht zur künstlichen Beleuchtung durch Gas nehmen mußte Während in Manchester drüben eine rastlose Thätigkeit herrschte war für die Fabriken der Vorstadt Salford welche am linken Ufer des schiffbaren Irwell liegt und durch eine schöne eiserne Brücke mit der Stadt in Verbindung steht bereits die Nachmittagsruhe eingetreten da sämmtliche Arbeiter einem ihrer geschicktesten und menschenfreundlichsten Ärzte die letzte Ehre erwiesen James Reed hatte sich bei einer ausgebrochenen Epidemie durch seine rastlose Thätigkeit und wahre Selbstaufopferung den Tod zugezogen und hinterließ der bekümmerten Wittwe außer dem Rufe eines geschickten Arztes und wahren Menschenfreundes kein Vermögen da einige hundert Pfund Sterlinge kaum hinreichend waren den Unterhalt der Mutter und ihrer sechsjährigen Tochter auf ein Jahr zu fristen Zwar hatte die junge Wittwe in Gateshead einen reichen Schwager welcher der tiefbetrübten Mutter sammt der armen Waise auf seinen ausgedehnten Besitzungen den nothwendigen Unterhalt hätte sichern können allein von dieser Seite war wenig oder gar nichts zu hoffen da Mistreß Reed eine sehr stolze und hochtrabende Frau war die auf die armen Verwandten ihres Mannes nur mit verächtlichen Blicken herabsah und denselben mit der größten Geringschätzung begegnete Die Hinterlassenen zogen es nun vor in Salford zu verbleiben und lieber auf eine kümmerliche Weise ihr Leben zu fristen als in Gateshead das Gnadenbrod zu essen So war kaum ein Jahr verstrichen wo manche Thräne das Stück Brod benetzte das die bekümmerte Mutter ihrem Kinde reichte als der Gram um den Dahingeschiedenen auch die Mutter auf das Krankenlager streckte das sie um jene Zeit wo der Herbst die Blätter von den Bäumen streicht mit dem kalten Grabe vertauschte Nun stand Jane verwaiset in der Welt