Reed ich bin wohl heftig aber nicht bösartig Als kleines Kind sehnte ich mich nach Liebe und wäre glücklich gewesen wenn Sie sich von mir hätten lieben lassen Auch jetzt wünsche ich mich mit Ihnen zu versöhnen Geben Sie mir einen Kuß Tante Als ich mich über das Bett lehnte hob sie abwehrend die Hände und sagte es mache sie ängstlich wenn ihr jemand so nahe käme Sie begehrte noch einmal zu trinken und als ich sie stützte und meine warme Hand auf ihre eiskalten Finger legte sah sie bebend zur Seite Wie Sie wollen Frau Reed sagte ich Lieben Sie mich oder fahren Sie fort mich zu hassen Jedenfalls haben Sie meine volle Verzeihung Bitten Sie Gott daß auch er Ihnen verzeihe und seinen Frieden gebe Bessie und die Wärterin traten ein Ich blieb noch eine halbe Stunde bei ihr doch vergebens wartete ich auf eine Gebärde die auf eine Wandlung zur Sanftmut hätte schließen lassen Frau Reed hatte mich ihr Leben lang gehaßt nun war es zu spät für sie andern Sinnes zu werden sie mußte mich auch im Tode noch hassen Sie sank mehr und mehr zusammen dann verlor sie das Bewußtsein In der Nacht um zwölf Uhr starb sie Ich war nicht im Zimmer um ihr die Augen zudrücken zu können auch ihre Töchter weilten nicht bei ihr Erst am nächsten Morgen erfuhr ich von Bessie das alles vorüber sei Georgina weigerte sich an das Bett der Toten zu treten Sie könne so etwas nicht sehen erklärte sie Elisa ging mit mir Da lag nun die einst so energische so kraftvolle Frau leblos da starr kalt und still Das Gesicht trug noch den Stempel des unerbittlichen rücksichtlosen Charakters Der Anblick dieses Leichnams hatte etwas Schreckhaftes für mich ein sanftes mildes Totenantlitz muß zur Rührung hinreißen und auch den Fernstehenden zur Trauer stimmen aber dieses aller Sanftmut aller Weichheit entbehrende Antlitz erfüllte mich nur mit Grauen So robust wie sie war hätte sie ein hohes Alter erreichen können sagte Elisa Aber großer Kummer hat sie frühzeitig zugrunde gerichtet Dann verzog sich ihr Mund doch nur auf einen Augenblick Gleich darauf wandte sie sich um und ging hinaus Ich folgte ihr Wir hatten beide keine Träne vergossen 11 Kapitel Eine unerwartete Wendung Wenige Tage nach dem Begräbnis reiste Georgina mit ihrem Onkel Gibson nach London ab während Elisa die Reise nach einem Kloster im Norden Englands antrat Ich hatte meinen Urlaub bereits erheblich überschritten und kehrte nun nach Thornfield zurück Da ich späterhin keine Gelegenheit haben werde noch einmal auf meine Cousinen zurückzukommen will ich hier gleich erwähnen daß Georgina wenige Jahre später einen reichen aber sehr verlebten Edelmann heiratete und Elisa jetzt Oberin ihres Klosters geworden ist dem sie auch ihr Vermögen vermacht hat Während meiner Reise schüttelte ich alle Gedanken an Frau Reed an ihr Ende und an ihre s Töchter von mir ab und richtete Sinn und Herz wieder auf Thornfield das meine Heimat gewesen war Und dieser Gedanke stimmte mich alsbald wieder bange und