Jane und ihr Peiniger Es war an einem rauhen Wintertage In Gateshead-Hall einem Schlosse in der Grafschaft shire im südlichen England ruhte die Besitzerin des Schlosses Mrs Reed umgeben von ihren drei Lieblingen Eliza John und Georgina auf einem Sofa ihres Salons Glücklich betrachtete sie die Gesichtszüge ihrer Kinder die in diesem Augenblick zufällig weder zankten noch schrien An das Wohnzimmer stieß ein kleines Frühstückszimmer in welchem ein großer Bücherschrank stand Auf dem Sitz in der Fenstervertiefung saß ein kleines Mädchen die Beine gekreuzt wie ein Türke doch verdeckten dunkelrote Moire-Vorhänge das Kind fast vollständig Scharlachrote Draperien schlossen die Aussicht zur rechten Hand links befanden sich die großen klaren Fensterscheiben die einen Ausblick in den düstern Novembertag gestatteten Das Mädchen hatte ein Buch in der Hand und wenn es die Blätter desselben wendete fiel sein Blick auf das Bild dieses winterlichen Nachmittags In der Ferne war nichts als ein blasser leerer Nebel Wolken im Vordergrunde der feuchte freie Platz vor dem Hause vom Winde entlaubte Gesträuche und ein unaufhörlicher vom Sturm wildgepeitschter Regen Wer war jenes Kind und weshalb saß es so einsam dort Nun meine liebe Leserin ich will deine Wißbegierde gleich befriedigen Dieses einsame Mädchen war Jane Eyre eine elternlose Nichte der Mrs Reed und von dieser wie sie sagte aus Gnade und Barmherzigkeit angenommen Nichtsdestoweniger suchte Mrs Reed ihre Nichte stets so weit wie möglich von sich fern zu halten Als nun Jane nach dem Mittagsmähle sich ebenfalls der Familie zugesellen und im Salon verweilen wollte sprach ihre Tante zu ihr Ich bin gezwungen dich von uns fern zu halten bis du angenehmere und freundlichere Manieren sowie ein offenherzigeres Wesen zeigst auch hat Bessie sich wieder über dich beklagt Wessen klagt mich denn Bessie an fragte das Kind dagegen Ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen erwiderte die Tante darauf und finde es geradezu häßlich wenn ein Kind ältere Leute in solcher Weise zur Rede stellt Augenblicklich setzest du dich irgendwo hin und schweigst bis du freundlicher und liebenswürdiger sprechen kannst Daraufhin hatte sich Jane in die Fensternische des Frühstückszimmers zurückgezogen und so finden wir sie dort mit Bewicks Geschichte von Englands befiederten Bewohnern beschäftigt Sie blätterte von Bild zu Bild sah auf den stillen einsamen Friedhof auf jenes Tor die beiden Bäume den niedrigen Horizont der durch eine zerfallene Mauer begrenzt war auf die schmale Mondessichel deren Aufgang die Stunde der Abendflut bezeichnete Die beiden Schiffe welche auf regungsloser See von einer Windstille befallen werden hielt sie für Meergespenster Über den Unhold welcher das Bündel des Diebes auf dessen Rücken festband eilte sie flüchtig hinweg er war ein Gegenstand des Schreckens für sie Und ein gleiches Entsetzen flößte ihr das schwarze gehörnte Etwas ein das hoch auf einem Felsen saß und in weiter Ferne eine Menschenmasse beobachtete die einen Galgen umgab Jedes Bild erzählte eine Geschichte oft war diese für ihren unentwickelten Verstand geheimnisvoll ihrem Empfinden unverständlich stets aber flößte sie ihr das tiefste Interesse ein dasselbe Interesse mit welchem sie den Erzählungen Bessies des Kindermädchens horchte