Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche Geschichte von einem jungen und reichen Engländer der von einer dem Balletcorps der Oper angehörende käuflichen Kokette verführt wurde nicht wiederholen Er hatte geglaubt er werde geliebt und sah daß er hintergangen worden war Er hatte Adele zu sich genommen weil er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewißheit hatte daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem Kinde existierte sondern weil er Mitleid mit einem zarten und unschuldigen Wesen gehabt das von seiner herzlichen Mutter verlassen wurde ‘Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen ’ sagte er am Schlusse seiner Erzählung ‘um sie auf den gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens zu verpflanzen Wir wollen sehen ob die junge Pflanze Nutzen daraus ziehen wird Werden Sie jetzt ’ fuhr er fort ‘Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter einer französischen Tänzerin widmen wollen Es sei mir erlaubt daran zu zweifeln Früher oder später einmal werden Sie mir ankündigen daß Sie eine andere Stelle gefunden haben Sie werden mich bitten mich andersweitig zu verstehen etc Nicht wahr ich habe richtig gerathen ’ ‘Keineswegs ’ erwiderte ich ‘Adele ist weder für Ihre Fehler noch für die ihre Mutter verantwortlich Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen jetzt aber da ich weiß daß sie jene von ihrer Mutter verlassene und von Ihnen verleugnete Waise ist werde ich sie als eine Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie wachen.’ Als ich am Abend des Tages an welchem mir diese unerwartete Mittheilung gemacht worden war auf mein Zimmer kam konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung nicht enthalten über die große Veränderung nachzudenken die in meinen Beziehungen zu Mr Rochester eingetreten war Hatte er mir nicht einem ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gegeben Ueberhaupt war seit einigen Wochen eine merkwürdige Umwanderung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen Er hatte keine beleidigenden Launen keine Anfälle kalten Hochmuthes mehr die so oft auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren Wenn ich ihm unvermuthet begegnete schien ich ihm stets willkommen zu sein Er hatte immer ein verbindliches Wort und oft ein freundliches Lächeln für mich Ließ er mich des Abends bitten ihm Gesellschaft zu leisten so ersah ich deutlich aus seinem herzlichen Empfange daß er in der Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand als ich Nutzen darin finden konnte Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach mein Herz Meine durch die Erzählungen welche mir eine neue Welt offenbarten lebhaft erregte Neugier mein durch die Nothwendigkeit oft scharfsinnige und geistvolle Bemerkungen zu verstehen in fortwährender Spannung erhaltener Geist dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem Gedanken daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und daß ich Jemandem wenn nicht Liebe eines Vaters doch wenigstens die Theilnahme eines wahren Freundes einflößte mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise um die Lücken ihres Lebens auszufüllen um das lachende Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte – Ich will nicht länger bei allen den