plötzlich kam mir der Gedanke wie niemals zuvor »Wie traurig ist es doch jetzt auf dem Krankenbett liegen zu müssen und in Todesgefahr zu schweben Diese Welt ist so schön – wie entsetzlich wäre es abberufen zu werden und wer weiß wohin gehen zu müssen « Und dann machte meine Seele die erste ernste Anstrengung das zu begreifen was man in Bezug auf Himmel und Hölle in sie gelegt hatte zum erstenmal blickte ich um mich und sah vor mir neben mir hinter mir nichts als einen unermeßlichen Abgrund zum erstenmal bebte meine Seele entsetzt zurück sie empfand und fühlte nichts sicheres mehr als den einen Punkt auf welchem sie stand – die Gegenwart alles andere war eine formlose Wolke eine unergründliche Tiefe – es schauderte mich bei dem Gedanken zu straucheln zu wanken – und in das Chaos hinabzutauchen Als ich noch diesen neuen Gedanken nachhing hörte ich wie die große Hausthür geöffnet wurde Mr Bates trat heraus mit ihm eine Krankenwärterin Nachdem sie gewartet bis er aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war wollte sie die Thür wiederum schließen Ich lief zu ihr »Wie geht es Helen Burns « »Sehr schlecht « lautete die Antwort »War Mr Bates ihretwegen gekommen « »Ja.« »Und was sagt er « »Er sagt daß sie nicht mehr lange bei uns verweilen wird.« Hätte ich diese Phrase gestern gehört so würde sie nur den Glauben in mir wachgerufen haben daß man sie nach Northumberland in ihre Heimat bringen wolle Ich würde nicht vermutet haben daß es bedeute sie sei sterbend – aber jetzt begriff ich sofort es wurde mir augenblicklich klar daß Helen Burns Tage auf dieser Welt gezählt seien und daß sie bald hinauf in die Region der Geister gehen würde – wenn es überhaupt eine solche Region gab Im ersten Moment bemächtigte sich meiner ein namenloser Schrecken dann empfand ich den heftigsten Schmerz dann einen Wunsch – den Wunsch sie zu sehen Und ich fragte in welchem Zimmer sie läge »Sie ist in Miß Temples Zimmer « sagte die Wärterin »Kann ich hinauf gehen und mit ihr sprechen « »O nein Kind Das geht nicht an Und jetzt ist es auch für Sie Zeit hinein zu gehen Sie werden das Fieber bekommen wenn Sie draußen sind während der Thau fällt.« Die Wärterin schloß die Hausthür ich ging durch den Seiteneingang welcher zu dem Schulzimmer führte ich kam noch zu rechter Zeit es war neun Uhr und Miß Miller rief gerade die Schülerinnen zum Schlafengehen Es mochte vielleicht zwei Stunden später ungefähr elf Uhr sein es war mir nicht möglich gewesen einzuschlafen und aus der tiefen Ruhe welche im Schlafzimmer herrschte schloß ich daß meine Gefährtinnen fest schliefen leise stand ich auf zog mein Kleid über mein Nachtgewand und schlich mich barfuß aus dem Gemach um Miß Temples Zimmer zu suchen Es befand sich am entgegengesetzten Ende des Hauses aber ich kannte den Weg und die Strahlen des unbewölkten Sommermondes halfen mir ihn zu finden Ich verspürte einen scharfen Geruch von Kampher und