zwei Monaten gestattete man mir mit dem Französischen und Zeichnen zu beginnen Ich lernte die ersten beiden Zeiten des Verbums être und skizzierte meine erste Hütte – deren Mauern nebenbei gesagt in schräger Richtung den hängenden Turm von Pisa bei weitem übertrafen – an demselben Tage Als ich an jenem Abend zu Bette ging vergaß ich in meiner Phantasie das Barmeciden-Souper von heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch zu bereiten mit dem ich sonst mein inneres Sehnen zu befriedigen pflegte statt dessen ergötzte ich mich an dem Anblick idealer Zeichnungen welche ich im Dunkeln sah alle das Werk meiner eigenen Hand fein gezeichnete Häuser und Bäume malerische Felsen und Ruinen stattliche Viehherden reizende Malereien von Schmetterlingen welche halberschlossene Rosen umflogen Vögel welche an reifen Kirschen pickten Nester von Zaunkönigen in denen perlgroße Eier lagen während junge Epheuranken sie umwucherten Im Gedanken ventilierte ich auch die Möglichkeit ob ich jemals imstande sein würde ein gewisses kleines französisches Geschichtenbuch welches Madame Pierrot mir an jenem Tage gezeigt hatte fließend übersetzen zu können – aber noch war dieses Problem nicht zu meiner Zufriedenheit gelöst als ich sanft einschlief Wie richtig hat Salomo gesagt – »Besser ein Mahl von frischen Kräutern wo die Liebe ist als ein gemästeter Ochse wo der Haß ist.« Jetzt hätte ich Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht mehr gegen Gateshead-Hall mit seinem täglichen Luxus eingetauscht Neuntes Kapitel Aber der Entbehrungen oder vielmehr der Mühseligkeiten in Lowood wurden auch weniger Der Frühling kam´– er war in der That schon gekommen die Winterfröste hatten aufgehört der Schnee war geschmolzen die schneidenden Winde hatten nachgelassen Meine armen Füße welche die Lüfte des Januar geschunden und entzündet hatten begannen zu heilen und unter den warmen Winden des April ihre alte Gestalt anzunehmen die Nächte und Morgen ließen mit ihrer kanadischen Temperatur nicht länger das Blut in unseren Adern erfrieren wir ertrugen es jetzt die Spielstunde im Garten zuzubringen zuweilen an besonders sonnigen Tagen begann es schon angenehm und freundlich zu werden ein zartes Grün begann die braunen Beete zu überziehen täglich wurde es frischer und erweckte die Vorstellung daß die Hoffnung während der Nacht über sie hinschreite und jeden Morgen schönere Spuren ihrer Schritte zurücklasse Unter den Blättern blickten Blumen hervor Schneeglöckchen Krokus dunkelrote Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen An Donnerstagnachmittagen – ein halber Ferialtag – machten wir jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain unter den Hecken noch schönere Blumen Ich entdeckte auch daß ein großes Vergnügen ein Genuß welchem nur der Horizont eine Grenze setzte außerhalb der hohen und mit eisernen Spitzen gekrönten Mauern unseres Gartens lag – dieser Genuß bestand nämlich in der Aussicht welche eine lange Reihe hochgipfeliger grüner und schattiger Hügel bot – in einem klaren Bach voll dunkler Steine und funkelnder Wirbel und Strudel Wie ganz anders hatte dieses Bild ausgesehen als ich es in Frost erstarrt in ein Leichentuch von Schnee gehüllt unter dem bleiernen Himmel des Winters gesehen Wenn todeskalte Nebel vom Ostwind gejagt über diese düsteren Gipfel hinzogen und über Wiesen und Anhöhen hinunterrollten