Das erste Vierteljahr in Lowood dünkte mich ein Menschenalter aber durchaus kein goldenes Zeitalter es bedeutete einen ermüdenden Kampf mit der Schwierigkeit mich in neue Regeln und ungewohnte Aufgaben hineinzuarbeiten Die Furcht in diesen Punkten zu unterliegen quälte mich mehr als die physischen Mühseligkeiten und Entbehrungen die mein Los waren Und auch diese waren wahrlich keine Kleinigkeiten Während der Monate Januar Februar und März hinderten der tiefe Schnee und nachdem er fortgeschmolzen die fast unpassierbaren Straßen uns daran weiter zu gehen als bis an die Mauern des Gartens – nur der sonntägliche Weg in die Kirche machte eine Ausnahme – aber innerhalb dieser Grenzen mußten wir jeden Tag eine Stunde in freier Luft zubringen Unsere Bekleidung war nicht hinreichend um uns gegen die strenge Kälte zu schützen Wir hatten keine Stiefel der Schnee drang in unsere Schuhe und schmolz darin unsere unbehandschuhten Hände erstarrten und bedeckten sich nach und nach mit Frostbeulen ebenso unsere Füße Ich erinnere mich noch der verzweifelten Schmerzen welche ich aus dieser Ursache jeden Abend erduldete wenn meine Füße sich entzündeten und der Schmerzen wenn ich die geschwollenen wunden und steifen Zehen am Morgen in die Schuhe zwängen mußte Auch die Kargheit der Nahrung brachte uns fast zur Verzweiflung wir hatten den regen Appetit von im Wachstum begriffener Kinder und man gab uns kaum genug um einen schwachen Kranken damit am Leben zu erhalten Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch welcher schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete Wenn sich nämlich den größeren heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen dahin ihnen ihren Anteil abzutreten Gar manchesmal habe ich zwischen zwei Anspruchmachenden den kostbaren Bissen Schwarzbrot geteilt den wir zur Theestunde bekamen und nachdem ich dann noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte meines Kaffeenapfes gegeben hatte schluckte ich den Rest zusammen mit bitteren geheimen Thränen hinunter welche der Hunger mir im wahrsten Sinne des Wortes erpreßte Die Sonntage waren trübe Tage in dieser Winterzeit Wir mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklehurst gehen wo unser Schutzherr den Gottesdienst verrichtete Halb erfroren machten wir uns auf den Weg noch erfrorener langten wir in der Kirche an während des Morgengottesdienstes lähmte uns die Kälte beinahe Der Weg war zu weit um zum Mittagessen nach Lowood zurückzukehren daher reichte man uns zwischen den beiden Predigten eine Ration von kaltem Fleisch und Braten welche in derselben kärglichen Proportion gehalten wurde die man bei unseren gewöhnlichen Mahlzeiten zum Maßstab genommen Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten wir über eine hügelige dem Winde ausgesetzte Straße nach Hause zurück Der eisige Wintersturm der über eine Kette schneebedeckter Hügel von Norden her blies riß uns beinahe die Haut von den Wangen Ich erinnere mich noch Miß Temples wie sie fest in ihren schottischen Mantel gehüllt den der Wind ihr fortwährend zu entreißen drohte leichtfüßig und schnell an unseren ermatteten Reihen entlang ging und uns durch Worte und Beispiel ermunterte Mut zu behalten und vorwärts zu schreiten »tapferen Soldaten gleich « wie sie zu