und ruhig musterte sie die beiden Reihen der Mädchen Miß Miller näherte sich ihr und schien eine Frage zu thun Nachdem sie die Antwort erhalten ging sie an ihren Platz zurück und sagte laut »Aufseherin der ersten Klasse gehen Sie und holen Sie den Globus.« Während diese Weisung befolgt wurde ging die Dame welche befragt worden war langsam durch das Zimmer Ich glaube mein Organ der Ehrerbietung muß stark entwickelt sein denn noch heute erinnere ich mich des Gefühls von staunender Bewunderung mit welchem ich ihren Schritten folgte Jetzt im hellen Tageslicht sah sie schlank groß und stattlich aus Braune Augen mit wohlwollendem klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern welche sie umgaben hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor Nach der Mode jener Zeit wo weder glatte Scheitel noch lange Schmachtlocken en vogue waren trug sie ihr schönes dunkelbraunes Haar in kurzen dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt Ihre Kleidung ebenfalls nach der Mode des Tages bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von spanischem Besatz aus schwarzem Sammet Eine goldene Uhr Uhren wurden in jenen Tagen noch nicht allgemein getragen hing an ihrem Gürtel Um das Bild vollständig zu machen muß der Leser sich noch feine vornehme Züge hinzudenken eine bleiche aber klare Gesichtsfarbe eine stattliche Haltung und Gestalt – und dann hat er so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen einen richtigen Begriff von dem Äußeren der Miß Temple – Maria Temple wie ich später einmal in einem Gebetbuche las welches mir anvertraut wurde um es in die Kirche zu tragen Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood denn dieses Amt bekleidete die Dame nahm ihren Sitz vor einem Globus ein der auf einem der Tische stand rief die erste Klasse auf sich um sie zu sammeln und begann dann eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben Die niederen Klassen wurden von den Lehrerinnen aufgerufen Repetitionen in der Weltgeschichte Grammatik u s w Dies dauerte eine Stunde Dann folgte Arithmetik und Schreibunterricht und Miß Temple gab einigen der größeren Mädchen Musikstunde Die Dauer jeder Unterrichtsstunde wurde nach der Uhr bemessen Endlich schlug es zwölf Die Vorsteherin erhob sich »Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten « sagte sie Der Tumult welcher stets nach Beendigung der Schulstunden einzutreten pflegt hatte sich bereits erhoben aber er legte sich sofort beim Klange ihrer Stimme Sie fuhr fort »Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt welches ihr nicht essen konntet ihr müßt hungrig sein – ich habe befohlen daß für euch alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.« Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie welche das größte Erstaunen verrieten »Es soll auf meine Verantwortung geschehen « fügte sie hinzu gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen gleich darauf verließ sie das Zimmer Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen Schule Und nun erging die Ordre »In den Garten « Jede Schülerin setzte einen groben häßlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kaliko auf und band einen Mantel