ein reiches wertvolles Leben verschleudern Es schien also daß der Vater der Verbindung Rosamonds mit St John durchaus kein Hindernis in den Weg legen würde Mr Oliver betrachtete also das gute Herkommen den alten Namen und den frommen Beruf des jungen Geistlichen als hinreichenden Ersatz für den Mangel an Vermögen Es war der fünfte November und ein Feiertag Nachdem meine kleine Dienerin mir geholfen hatte das Haus zu reinigen war sie fortgegangen hoch beglückt durch das Geschenk eines Penny für ihre Dienstleistungen Alles um mich her war glänzend rein und spiegelblank – gescheuerter Fußboden polierter Herd und reingewaschene Stühle Auch mich selbst hatte ich geschmückt und nun lag der Nachmittag vor mir an dem ich beginnen konnte was ich wollte Die Übersetzung einiger Seiten Deutsch nahm eine Stunde in Anspruch Dann nahm ich meine Palette und meine Stifte und begann mit der weit beruhigenderen weil leichteren Arbeit Rosamond Olivers Miniaturbild zu vollenden Der Kopf war bereits fertig es fehlte nur noch die Andeutung des Hintergrundes und die Schattierung der Draperie ein Hauch Karmin mußte noch auf die vollen reifen Lippen gebracht werden – hie und da eine sanfte Welle auf das lockige Haar – eine tiefere Nüance auf die Wimper unter dem bläulichen Augenlid Ich war in die Ausführung dieser hübschen Details vertieft als nach einem kurzen hastigen Klopfen meine Thür geöffnet wurde und St John Rivers eintrat »Ich komme um zu sehen wie Sie Ihren Feiertag zubringen « sagte er »Nicht in Gedanken versunken hoffe ich Nein das ist gut Wenn Sie malen werden Sie sich nicht einsam fühlen Sie sehen ich mißtraue Ihnen noch immer obgleich Sie sich bis jetzt wunderbar mutig gezeigt haben Ich habe Ihnen ein Buch zum Trost für die Abendstunden gebracht « und dabei legte er ein soeben erschienenes Werk auf den Tisch – ein Gedicht eine jener genialen Produktionen wie sie dem Publikum so oft vergönnt wurde in jenen Tagen dem goldenen Zeitalter der modernen Literatur Ach die Leser unserer Zeit sind weniger begünstigt Aber Mut Ich will mich nicht mit bereuen oder klagen aufhalten Ich weiß daß die Poesie noch nicht tot das Genie noch nicht verloren ist auch hat der Mammon noch keine Macht über beide gewonnen er kann sie weder fesseln noch töten – eines Tages werden sie doch wieder ihr Dasein ihre Gegenwart ihre Freiheit und ihre Macht bethätigen Mächtige Engel die ihr dort oben im Himmel Sicherheit gefunden habt Ihr lächelt wenn niedrige schmutzige Seelen triumphieren und schwache über ihre Zerstörung weinen Die Poesie zerstört Das Genie verbannt Nein Mittelmäßigkeit laß den Neid dir nicht solche Gedanken eingeben Nein sie leben nicht nur sondern sie herrschen sie erlösen Und ohne ihren göttlichen Einfluß der überall hin dringt würdest du in der Hölle sein – in der Hölle deiner eigenen Gemeinheit Während ich eifrig die hellen Seiten von Marmion denn das Buch war Marmion durchblätterte beugte St John sich nieder um meine Zeichnung zu prüfen Plötzlich schnellte seine schlanke Figur wieder empor – er sagte nichts Ich sah zu