Hilfe der Dienerin eine Treppe hinan zu steigen meine durchnäßten Kleider wurden mir ausgezogen und bald lag ich in einem trocknen angenehm durchwärmten Bette Ich dankte Gott – empfand trotz meiner unbeschreiblichen Erschöpfung ein Gefühl der innigsten Dankbarkeit – und schlief ein Neuntes Kapitel An die drei Tage und Nächte welche hierauf folgten habe ich nur eine sehr schwache verworrene Erinnerung bewahrt Ich kann mir wohl einige Empfindungen zurückrufen welche ich in der Zwischenzeit hatte aber einen festen Gedanken vermochte ich nicht zu hegen eine Handlung zu vollbringen war ich zu schwach Ich wußte daß ich mich in einem kleinen Zimmer in einem schmalen Bette befand An das Bett schien ich fest gewachsen zu sein Bewegungslos wie ein Stein lag ich darin und wenn man mich daraus entfernt hätte so wäre das gleichbedeutend mit Tod gewesen Ich bemerkte nicht daß die Zeit verging – ich wußte nichts vom Übergange des Morgens zum Mittag des Mittags zum Abend Ich bemerkte wenn jemand ins Zimmer trat oder es wieder verließ ich hätte sogar sagen können wer sie waren ich konnte verstehen was gesprochen wurde wenn der Redende in meiner Nähe stand aber ich vermochte nicht zu antworten es war mir ebenso unmöglich ein Glied zu rühren wie die Lippen zu bewegen Hannah die Dienerin war meine häufigste Besucherin Ihr Kommen störte mich Ich hatte das Gefühl als wünsche sie mich wieder fort daß sie weder mich noch meine Verhältnisse begriff daß sie ein Vorurteil gegen mich hege Ein oder zweimal täglich erschienen Diana und Mary im Zimmer Sie flüsterten viel an meinem Bette und ungefähr wie folgt »Ich bin froh daß wir sie aufnahmen.« »Ja Sonst wäre sie am folgenden Morgen ohne Zweifel tot vor unserer Thür gefunden worden wenn wir sie die ganze Nacht draußen gelassen hätten Ich möchte nur wissen was sie alles durchgemacht hat.« »Seltene Trübsal und Entbehrungen glaube ich – armes verhungertes bleiches Menschenkind « »Sie ist keine ungebildete Person vermute ich nach ihrer Sprache zu urteilen Ihr Accent war sehr rein und die Kleider welche sie abgelegt hat waren wenn auch naß und schmutzig so doch fein und wenig abgenützt.« »Sie hat ein eigentümliches Gesicht trotzdem es fleischlos und hager ist gefällt es mir doch und ich kann mir sehr gut vorstellen daß ihre Physiognomie angenehm wenn sie gesund und fröhlich und glücklich ist.« In all ihren Gesprächen hörte ich niemals auch nur eine einzige Silbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft welche sie mir gewährt hatten oder ein Wort der Abneigung oder des Mißtrauens gegen mich Ich war also beruhigt Mr St John kam nur einmal er sah mich an und sagte daß dieser Zustand der Lethargie das Resultat der Reaktion nach übermäßiger und anhaltender Ermüdung sei Er erklärte es für unnötig einen Doktor holen zu lassen es sei seiner Überzeugung nach am besten wenn man der Natur ihren freien Lauf ließe Er sagte jeder Nerv sei auf irgend eine Weise aufs höchste angespannt und daß das ganze System eine Zeit lang in einer Art Betäubung verharren