Mrs Reed Wie ich es wagen kann Weil es die Wahrheit ist Sie glauben daß ich kein Gefühl habe daß ich ohne die geringste Liebe und Güte leben kann aber so kann ich nicht leben – – und Sie kennen kein Mitleid kein Erbarmen Ich werde niemals vergessen wie Sie mich heftig und rauh in das rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen – bis zu meiner Sterbestunde werde ich es nicht vergessen Obgleich die Todesangst mich verzehrte obgleich ich vor Jammer und Entsetzen fast erstickend aus allen Kräften schrie und flehte »Hab Erbarmen Tante Reed Hab Erbarmen « Und diese Strafe ließen Sie mich erdulden weil Ihr boshafter schlechter Sohn mich schlug – mich ohne Grund und Ursache zu Boden schlug Und diese Geschichte – gerade so wie ich sie jetzt erzähle – werde ich jedem erzählen der mich fragt Die Leute glauben daß Sie eine gute Frau sind aber Sie sind schlecht Sie sind hartherzig Sie sind lügnerisch und falsch « Ehe ich noch mit dieser Antwort zu Ende war begann ein seltsam glückseliges Gefühl der Freiheit des Triumphes sich meiner Seele zu bemächtigen So hatte ich noch niemals empfunden Es war als wenn unsichtbare Fesseln und Bande plötzlich zerrissen wären und ich mir endlich den Weg zur unverhofften Freiheit erkämpft hätte Und dieses Gefühl kam nicht ohne Veranlassung über mich denn – Mrs Reed schien erschrocken und furchtsam die Arbeit war von ihrem Schoße gefallen sie erhob die Hände und wiegte sich hin und her ihr Gesicht verzerrte sich als wolle sie anfangen zu weinen »Jane du irrst du irrst dich Kind Was ist mit dir vorgegangen Weshalb zitterst du so heftig Möchtest du einen Schluck Wasser trinken « »Nein Mrs Reed.« »Möchtest du irgend etwas anderes Jane Du kannst mir glauben ich wünsche nichts anderes als dir eine Freundin zu sein.« »Nein das ist nicht wahr Sie haben Mr Brocklehurst gesagt daß ich einen lügnerischen bösen und falschen Charakter habe Aber ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen was Sie sind und was Sie gethan haben Das schwöre ich Ihnen.« »Jane du verstehst solche Dinge nicht Kinder müssen von ihren Fehlern geheilt werden.« »Falschheit ist aber nicht mein Fehler « schrie ich mit lauter wilder gellender Stimme »Aber du bist leidenschaftlich und heftig Jane das mußt du zugeben Und jetzt geh wieder in die Kinderstube – so – das ist ein gutes liebes Kind – Geh und ruh dich ein wenig aus.« »Ich bin nicht Ihr gutes liebes Kind Ich kann mich nicht ausruhen Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt Mrs Reed denn das Leben hier ist mir unerträglich und verhaßt geworden.« »Wahrhaftig ich will sie bald in die Schule schicken « murmelte Mrs Reed sotto voce Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer Ich blieb nun allein ich behauptete das Schlachtfeld Es war der erbittertste Kampf den ich jemals gekämpft und der erste Sieg den ich je errungen Einige Augenblicke stand ich vor dem Kamin auf derselben Stelle wo Mr