seinen Drohungen ins Fäustchen »Jetzt vermag ich dich durch vernünftige Behandlung im Schach zu halten « dachte ich bei mir »und ich zweifle gar nicht daß es mir auch in Zukunft gelingen wird Wenn ein Mittel seine Macht und Wirkung verliert muß man schnell auf ein anderes bedacht sein.« Und doch war meine Aufgabe keine ganz leichte oft hätte ich ihm lieber etwas Gutes gethan und ihn erfreut anstatt ihn zu quälen Mein künftiger Gatte wurde bereits meine ganze Welt – mehr als die Welt er wurde meine Hoffnung auf die ewige Seligkeit Er stand zwischen mir und jedem religiösen Gebanken so wie eine Sonnenfinsternis zwischen die helle Sonne und den Menschen kommt In jenen Tagen betete ich Gott nur in seinem Geschöpf an aus diesem hatte ich ein Götterbild gemacht Fünftes Kapitel Der Probemonat war dahin seine letzten Stunden waren gezählt Der schnell herannahende Tag – der Tag meiner Hochzeit – konnte nicht mehr aufgeschoben werden und alle Vorbereitungen waren getroffen Ich wenigstens hatte nichts mehr zu thun an der Wand meines kleinen Zimmers standen meine Koffer gepackt verschlossen geschnürt alle in einer Reihe morgen um diese Zeit würden sie schon auf dem Wege nach London sein und desgleichen ich oder eigentlich nicht ich sondern eine gewisse Jane Rochester eine Persönlichkeit welche ich bis jetzt noch nicht kannte Es blieb nur noch übrig die Karten mit den Adressen festzunageln dort lagen sie vier kleine weiße Vierecke auf der Kommode Mr Rochester selbst hatte Namen und Bestimmungsort darauf geschrieben »Mrs Rochester Western Hotel London« aber ich konnte mich nicht entschließen sie zu befestigen oder befestigen zu lassen Mrs Rochester Sie existierte ja nicht sie sollte ja erst morgen das Licht der Welt erblicken kurz nach acht Uhr morgens und ich wollte warten bis ich sicher war daß sie lebendig zur Welt gekommen bevor ich ihr mein ganzes Besitztum verschrieb Es war schon genug daß in jenem Kämmerlein meinem Toilettetisch gegenüber Toiletten welche angeblich ihr gehörten meine schwarzen wollenen Anzüge die noch von Lowood herstammten verdrängt hatten denn nicht mir gehörte jenes prachtvolle Hochzeitsgewand das perlgraue Kleid der luftige Schleier Ich schloß das Kabinet um den seltsamen totenähnlichen Schmuck welchen es enthielt meinen Blicken zu entziehen denn es warf zu dieser Stunde – neun Uhr abends – einen geisterhaften Schimmer über die Schatten meines Zimmers »Ich will dich allein lassen du weißer Traum « sagte ich »Ich habe Fieber ich höre den Wind heulen ich will hinausgehen um ihn meine heißen Schläfen kühlen zu lassen.« Es war nicht allein die Eile der Vorbereitungen die mich fieberkrank machte nicht allein das Vorgefühl der großen Veränderung – des neuen Lebens welches morgen beginnen sollte Ohne Zweifel hatten diese beiden Umstände ihr Teil an der aufgeregten ruhelosen Stimmung die mich zu dieser späten Stunde noch in den dunkelnden Park hinaustrieb aber noch eine dritte Ursache beeinflußte mein Gemüt noch mehr als jene anderen beiden Ein seltsamer beängstigender Gedanke fraß mir am Herzen Es war etwas geschehen das mir unverständlich unbegreiflich war Außer mir hatte