still und feierlich denn es war das Nebenzimmer des Herrn Reed und darin lag das ganze Geheimniß des roten Zimmers der Zauber der es trotz seiner Pracht so wenig besuchen ließ Herr Reed war schon neun Jahre todt in diesem Zimmer hatte er auf dem Paradebett gelegen von hier hatte man ihn geholt um ihn zu begraben und von jenem Tage an hatte ein Gefühl ernster Weihe es vor häufigen Besuchern geschützt Jane kauerte auf einem niedrigen Divan in der Nähe des marmornen Kamins Leise erhob sie sich und schlich zur Thüre um zu sehen ob sie wirklich fest verschlossen sei Ach ja kein Kerker konnte fester verriegelt sein Als sie von der Thür zurückkam mußte sie an dem großen Spiegel vorüber der bis zur Erde reichte und die seltsame kleine Gestalt die sie daraus anschaute mit dem weißen Gesicht und den großen furchtsamen Augen die sich bewegten wo alles so ruhig war brachte auf Jane die Wirkung hervor als habe sie einen Geist gesehen Aber noch ward der erwachende Aberglaube in ihr beherrscht durch ihre zornig empörte Stimmung noch wallte ihr Blut heiß über die erlittene Ungerechtigkeit Alle tyrannische Handlungen John Reed 's die ganze stolze Gleichgültigkeit seiner Schwestern die ganze Abneigung seiner Mutter die Parteilichkeit der Dienstboten stiegen in ihrem verstörten Geiste auf wie ein träber Bodensatz in einem aufgerührten Brunnen Warum mußte sie stets leiden Warum stets beschuldigt verurtheilt und bestraft werden Warum konnte sie nie gefallen Elisa die eigensinnig und selbstsüchtig war wurde nie getadelt Mary mit ihrem zänkischen eitlen Wesen sah man stets alles nach deren Schönheit deren rote Wangen und goldne Locken schienen ihr für jeden Fehler Straflosigkeit zu erkaufen Was John betrifft so konnte er thun was er wollte wenn er auch den Tauben die Hälse umdrehte die jungen Pfauen umbrachte die Hunde hinter die Schafe hetzte und im Gewächshause von den seltensten und teuersten Pflanzen die Knospen abriß Er blieb trotzdem der Mutter Liebling Jane hingegen bemühte sich ihre Pflicht zu erfüllen und doch nannte man sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend unartig listig boshaft Ihr Kopf schmerzte und blutete noch niemand hatte John getadelt daß er sie geschlagen und weil sie sich gegen seine Gewaltthätigkeiten gewehrt war sie gleich einer Missethäterin hier eingesperrt worden Ungerecht — Ungerecht rief ihre Vernunft Ihr ganzes Herz war empört sie konnte die stets wiederkehrende innerliche Frage nicht beantworten warum sie so leiden müsse und allerlei trostlose Gedanken stiegen in ihr auf wie sie dem unerträglichen Leben ein Ende machen könne sie wollte davonlaufen oder wenn das nicht anginge nichts mehr essen und trinken um dadurch den Tod herbeizurufen Das Tageslicht begann das rote Zimmer zu verlassen es war vier Uhr vorüber und der bewölkte Nachmittag machte allmälig einer trüben Dämmerung Platz Jane hörte den Regen immer noch an das Treppenfenster schlagen und den Wind in dem Lustgärtchen pfeifen nach und nach wurde sie in dem ungeheizten Zimmer kalt wie Eis und damit fieng ihr Muth zu sinken an Ihre gewöhnliche demütige Stimmung der